13.6. – 13.9.2026,

Zauri Matikashvili. You may not want to be here

, Kunsthalle Münster

Die Kunsthalle Münster zeigt mit You may not want to be here, die erste institutionelle Einzelausstellung von Zauri Matikashvili und gibt damit einen Einblick in das Schaffen des georgischen Künstlers. Neben seiner neuen Zwei-Kanal-Installation Passing the Glass (2026), die im Rahmen der Ausstellung in der Kunsthalle Münster ihre Premiere feiert, werden mit In Katernberg (2022) und Made in Europe (2023) zudem zwei ältere Filme Matikashvilis gezeigt. Ergänzt werden die filmischen Werke durch seine Serie You may not want to be here (seit 2024) – eine Reihe von Skulpturen, die sich durch den gesamten Ausstellungsraum zieht und in einen Dialog mit seinen filmischen Arbeiten tritt.

Mit seiner Kamera bezeugt Matikashvili Geschichten der Gegenwart, dokumentiert gesellschaftliche, politische oder historische Geschehnisse und befragt soziale Ordnungen. Aus unterschiedlichen Perspektiven nimmt er Themen wie Identität, traditionelle Rollenbilder, Segregation, Zugehörigkeit, Zerrissenheit, Rassismus und zunehmende Repression in den Blick. In seinen Werken fragt er, wie der Alltag der Menschen mit Macht und Widerstand verbunden ist, wie Gesellschaften im Detail funktionieren oder auch nicht.

Vor dem Hintergrund einer Regression der Demokratie, der Konfrontation mit einem zunehmenden autoritären Populismus, einem allgemeinen politischen Rechtsruck sowie der Zunahme sozialer Ungleichheiten besitzen die Werke Matikashvilis eine besondere Dringlichkeit. Er liefert Gegenstimmen zu jenen lauten, polarisierenden und diffamierenden Positionen, die Fakten ignorieren, verleugnen oder verdrehen.

Die Filme Zauri Matikashvilis sind einzelnen Personen, Personengruppen oder Orten gewidmet. Oft richtet er sein Augenmerk auf Menschen, denen sonst wenig Aufmerksamkeit zuteilwird. Es sind weitestgehend individuelle Lebensrealitäten, anhand derer er soziokulturelle und politische Zusammenhänge nachzeichnet – in der Regel jenseits der großen politischen Bühnen, wenngleich doch eng mit ihnen verwoben. Er ist ein teilnehmender Beobachter, der ins Feld eintaucht und am Geschehen teilnimmt. Auf eine unspektakuläre und leise Art, bezeugt der Künstler, was Identität oder Migration bedeuten, wie Gesellschaften im Detail funktionieren und wie weit dabei Meinungen, Haltungen und Lebensentwürfe mitunter auseinanderdriften. In seinen Filmen versammelt er unterschiedliche Stimmen, wodurch es zu Dissonanzen kommt, zu einer Vieldeutigkeit, die nicht immer angenehm ist und die es auszuhalten gilt.

Lange waren es ihm fremde Personen, denen Matikashvili in seinen Filmen begegnet ist und die ihn für eine Weile, an ihrem Leben teilhaben lassen. Dabei zeigt er sich fasziniert von den unberechenbaren und überraschenden Momenten in der Begegnung mit ihnen, von ihren Gedanken, Meinungen, Begehren und Wünschen. Erst in seinen jüngsten Arbeiten hat er sich Menschen aus seiner Familie und deren Umfeld zugewandt. Damit einher geht eine Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Georgien, das sich in einem Zustand extremer Unsicherheit befindet – ökonomisch, politisch und auch kulturell. Matikashvili verbindet hier autobiografisches Filmemachen mit einer soziologischen Reflexion.

Jenes Spiel von Nähe und Distanz, das Matikashvili in seinen filmischen Arbeiten nutzt, zeigt sich in anderer Form auch in seinen skulpturalen Werken. Die Serie You may not want to be here (seit 2024) besteht aus Objekten aus Keramik, Porzellan, Wachs, Metall und Fundstücken aus der Natur bestehen, die zum Teil mit Erde, Metallen oder Staub beschichtet worden sind. Konkreter Ausgangspunkt der Objekte ist die eigene Schilddrüse. Sie steht in einem weiteren Sinne für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, mit dessen Funktion und Dysfunktion, mit Fragen von Existenz und Vergänglichkeit. Von Objekt zu Objekt hat sich die Form gewandelt und ist nicht mehr als solche zu erkennen. Die Mutationen und Wucherungen rufen ein Unbehagen hervor, bei gleichzeitiger Faszination für die Formen und Materialien.

Zauri Matikashvili wurde in der georgischen Stadt Qvareli geboren. Nach seinem Studium der Freien Kunst in Münster und Düsseldorf lebt und arbeitet er heute in Münster und Amsterdam. In seinen Filmen, Performances, Installationen und Skulpturen hinterfragt er die soziokulturellen und politischen Kontexte verschiedener Gesellschaften und Nationen, die die Identitätsbildung individueller Lebenswelten und Familien prägen. Er interessiert sich dabei besonders dafür, wie Erzählungen und Bilder Gemeinschaft stiften. Matikashvilis Werke wurden in zahlreichen Institutionen gezeigt, darunter BSMNT in Leipzig (2026), die Julia Stoschek Foundation in Düsseldorf (2025), Kunst in Tunnel (KIT) in Düsseldorf (2025), das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (2025), Het Documentaire Paviljoen in Amsterdam (2024), die Stadthausgalerie Münster (2023), Antimatter Media Art in Victoria (2023), By Art Matters in Hangzhou (2023), das Eye Filmmuseum in Amsterdam (2023), die Cité Internationale des Arts in Paris (2022), das Internationale Kurzfilmfestival in Oberhausen (2022), der Kunstverein Harburger Bahnhof in Hamburg (2021), das Filmfestival Münster (2021), der HMKV in Dortmund (2021), das Atelier Nr. 63 PACT Zollverein in Essen (2020) und die Philara Collection in Zusammenarbeit mit der Filmwerkstatt in Düsseldorf (2020). Er war Artist in Residence an der Rijksakademie van beeldende kunsten Amsterdam (2022–2024), an der Cité Internationale des Arts Paris (2022) und am PACT Zollverein in Essen (2021). Zuletzt erhielt er Stipendien der Stiftung Kunstfonds (2025) und der Kunststiftung NRW (2026).

Kuratorin: Merle Radtke Kuratorische Assistenz: Heiko Lietz

Eröffnung: 12.6.2026, 18:00 Uhr

Die Ausstellung wird gefördert durch:

Das Programm der Kunsthalle Münster wird unterstützt vom Freundeskreis der Kunsthalle Münster.

Begleitprogramm:

14.6.2026, 15:00 Uhr,

Gespräch in der Ausstellung Zauri Matikashvili. You may not want to be here mit Zauri Matikashvili und Merle Radtke

, Kunsthalle Münster

2.7.2026, 18:00 Uhr,

Gespräch in der Ausstellung Zauri Matikashvili. You may not want to be here mit Sarah Hübscher und Zauri Matikashvili

, Kunsthalle Münster

12.7.2026, 15:00 Uhr,

Rundgang durch die Ausstellung Zauri Matikashvili. You may not want to be here mit Heiko Lietz

, Kunsthalle Münster

27.8.2026, 18:00 Uhr,

Rundgang durch die Ausstellung Zauri Matikashvili. You may not want to be here mit Heiko Lietz

, Kunsthalle Münster

7.9.2026, 19:00 Uhr,

Agnès Varda, Daguerréotypen – Leute aus meiner Straße

, Schloßtheater

13.9.2026, 15:00 Uhr,

Gespräch in der Ausstellung Zauri Matikashvili. You may not want to be here mit Zauri Matikashvili und Silke Schönfeld

, Kunsthalle Münster

14.9.2026, 19:00 Uhr,

Abbas Kiarostami, Ta'm-e gīlās (Der Geschmack der Kirsche)

, Schloßtheater