11.2. – 21.6.2020,

Tobias Euler, Thies Mynther, Veit Sprenger: Moon Machine, Landing

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Tobias Euler, Thies Mynther, Veit Sprenger: Moon Machine, Landing. Installationsansicht Kunsthalle Münster 2020

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2019 jährte sich der Todestag des Ausnahmemusikers Moondog (1916–1999) zum zwanzigsten Mal. Der blinde Komponist, Dichter und Musiktheoretiker war eine wichtige Figur der Counterculture der 1960er und -70er Jahre. Moondog, der Viking of the 6th Avenue, der sowohl in den USA als auch in Deutschland als Straßenkünstler, mobiler Poet und Instrumentenbauer aktiv war, hat bis heute einen wichtigen Einfluss auf die zeitgenössische Musik. Sein nomadischer Lebensstil führte den Amerikaner ab Mitte der 1970er Jahre zunächst nach Hamburg, dann über Recklinghausen nach Münster, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Ausgehend von den Werken Moondogs haben der Komponist Thies Mynther und der Theatermacher Veit Sprenger in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Tobias Euler eine interventionistische Musikmaschine geschaffen. Die Moon Machine ist eine mobile Musikinsel, eine Bricolage mit pneumatischen Instrumenten und mechatronischen Klangautomaten, Sonnenschirmen, Signalhörnern und akustischen Kollisionswarngeräten, die von den beiden Performern Mynther und Sprenger bespielt wird. Die akustische Plastik wurde 2019 bei dem internationalen Festival FLURSTÜCKE 019 in Münster erstmals von den Künstlern in Betrieb genommen. Im Rahmen der Ausstellung in der Kunsthalle Münster setzt das Trio bestehend aus Euler, Mynther und Sprenger das interdisziplinäre Projekt, das sich an der Schnittstelle von Musik, Theater und bildender Kunst bewegt, fort. Die Kunsthalle verwandelt sich in eine Bühne, die Ausstellung in ein synästhetisches Spektakel. Während der Laufzeit der Ausstellung wächst die Moon Machine zur Installation heran, wirft Tentakel von sich und verbindet sich mit den Räumlichkeiten der Kunsthalle. Die Instrumente können genau betrachtet werden und stehen als Objekte im Vordergrund. In der Abwesenheit der beiden Performer wird die Maschine selbst zur Akteurin. Immer wieder ertönen aus der Maschine einige Sequenzen, die von den Künstlern erarbeitet wurden. Wie ein Ensemble interagieren die einzelnen Objekte miteinander. In der vielschichtigen Verbindung von Skulptur und Klang eröffnet die akustische Plastik neue Rezeptionsräume.

Die Moon Machine ergänzend, präsentiert die Kunsthalle Münster Exponate aus dem Nachlass von Louis Thomas Hardin (aka. Moondog) sowie aus unterschiedlichen Archiven. Dabei wird der kuriose Lebensweg des Künstlers chronologisch von seinem Ende her zurückverfolgt – ein besonderer Schwerpunkt stellt dabei seine Zeit in Deutschland dar, wo er seit 1974 lebte. Die musikalische Installation und das Archivmaterial ermöglichen eine besondere Begegnung mit dem Werk Moondogs, der so unterschiedliche Musiker*innen wie T. Rex, Prefab Sprout, Antony and the Johnsons, Philip Glass, Steve Reich, Laurie Anderson, Frank Zappa, oder CocoRosie mitgeprägt hat.

Tobias Euler (geb. 1977) studierte nach seiner Ausbildung zum Holzbildhauer und anschließender Ausbildung zum Grafikdesigner, Freie Kunst an der Bauhaus Universität Weimar. Seine Tätigkeitsfelder umfassen Grafik, Illustration, Fotografie, interaktive Installation, Mechatronik und Musik. Neben verschiedenen Ausstellungen wirkte Tobias Euler bei Theaterproduktionen mit und entwickelte szenographische Konzepte, interaktive Soundobjekte und Raumgreifende kinetische Installationen für Produktionen der Theater- und Performancegruppe Showcase Beat Le Mot, dem Komponisten Santiago Blaum und dem Regisseur Tom Wolter (Theater Hebel am Ufer, Schauspiel Frankfurt, Brut Wien, am Residenztheater in München, FFT Düsseldorf und dem Theaterhaus Gessnerallee in Zürich). 2015 gründete Tobias Euler die Kunst- und Kulturstätte Jonny Knüppel in Berlin Kreuzberg und leitete bis April 2018 als Geschäftsführer und Vereinsvorsitzender die kulturellen und politischen Aktivitäten der Unternehmung.

Thies Mynther (geb. 1968) ist Komponist, Texter, Performer und Produzent. Seit 1989 hat er als Mitglied von Bands wie Phantom/Ghost, Stella oder Das Bierbeben und als Kollaborator von Miss Kittin, Chicks On Speed oder Dillon an über hundert Albumveröffentlichungen mitgewirkt und über 1000 Konzerte gespielt. Seit dem Beginn der Nullerjahre beschäftigt er sich auch mit Sounddesign und Kompositionen für Filme, seit 2009 entwickelte er einen neuen Schwerpunkt im Bereich Theater. Als Komponist, Musiker, Songtexter, musikalischer Leiter und Performer arbeitete er mit einer Vielzahl von Regisseurinnen wie Nicolas Stemann, Sebastian Baumgarten, Bastian Kraft, Brit Bartkowiak und Josua Rösing zusammen, aber auch mit Performancegruppen wie Showcase Beat Le Mot, wo er auch Veit Sprenger kennenlernte. Er initiierte Kooperationen mit Künstlerinnen wie Cosima von Bonin (als Phantom Ghost) oder dem israelischen Produzenten/Regisseur Jason Danino Holt. Seine Wirkungsstätten sind unter anderem das Schauspielhaus und Kampnagel in Hamburg, das Deutsche Theater, das Haus der Berliner Festspiele, die Akademie der Künste und das HAU in Berlin. 2018 steuerte er die Musik zu Sandra Trostels Film All Creatures Welcome bei und produzierte mit der Künstlerin Tellavision ihr aktuelles Album Add Land. Mit dem Regisseur Josua Rösing brachte er im November 2019 am Moskauer Vachtangov-Theater eine Fassung von Franz Kafkas Verwandlung auf die Bühne. Moondogging war nach This Machine Kills – Hidden Tales of the Revolutionary Piano (Hebbel am Ufer, Berlin) die zweite eigenständige musiktheatrale Produktion mit Veit Sprenger.

Veit Sprenger (geb. 1967) ist Theatermacher, Autor und Produzent, studierte Musik in Hannover, Medizin in Frankfurt a.M. und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Er ist Gründungsmitglied der Theatergruppe Showcase Beat Le Mot, mit der er seit 1998 Theaterstücke, Performances, Kunstaktionen und Musikvideos produziert. Bis heute hat er mehr als vierzig Theaterstücke produziert, die in 16 Ländern zur Aufführung kamen. Er war Mitglied des künstlerischen Leitungsteams für das Festival agenda für junge Kunst im Ostseeraum und der Auswahl- und Preisjurys u.a. für die Theaterfestivals unart, Impulse und Westwind. Er lehrte an Hochschulen unter anderem in Berlin, Hamburg, Lübeck, Gießen, Zürich, Köln, Oslo, Beijing, Athens/Ohio, New York, Stuttgart und Bern. 2005 hat er sein Buch Despoten auf der Bühne – Die Inszenierung von Macht und ihre Abstürze veröffentlicht. Seit 2018 erarbeitet er zusammen mit dem Komponisten Thies Mynther unter dem Label This Machine Kills Musiktheaterstücke.

Kuratorin: Merle Radtke

Basierend auf der Produktion Moondogging. Eine Koproduktion von This Machine Kills und Theater im Pumpenhaus Münster.

Das Programm der Kunsthalle Münster wird unterstützt vom Freundeskreis der Kunsthalle Münster.

Begleitprogramm:

23.2.2020, 14:00 Uhr,

Führung durch die Ausstellung Moon Machine, Landing. Für Menschen mit und ohne Sehbehinderung

, Kunsthalle Münster

1.3.2020, 14:00 Uhr,

Moondog heute. Ein Gespräch mit Wolfgang Gnida über die Arbeit im Archiv

, Kunsthalle Münster

27.5.2020, 16:00 Uhr,

Moon Machine, Landing bei Montez Press Radio

, Montez Press Radio

21.6.2020, 18:30 Uhr,

Moon Machine, Landing. Konzert von Thies Mynther + Veit Sprenger

, Kunsthalle Münster