30.5. – 12.9.2021,

Sensing Scale: Tekla Aslanishvili, Pedro Barateiro, Emma Charles, Geocinema, Bahar Noorizadeh, Wolfgang Tillmans

, Kunsthalle Münster

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Pedro Barateiro, The Opening Monologue (Still), 2018, HD Video, 14:37 Min.

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Unsere Welt spielt sich im planetaren Maßstab ab: Sie ist gekennzeichnet von dezentralisierten Infrastrukturen und Produktionsstätten, globalen Logistikströmen sowie einer kollektiven technologischen Bedingtheit, komplexem Datenmaterial und alles umspannenden Kommunikationsnetzen. Wie lassen sich in einem so weit verzweigten Gefüge ablaufende Prozesse darstellen und befragen?

Sensing Scale geht der Frage nach, wie sich die auf planetarem Maßstab operierenden Netzwerke, Datenverkehr und technokratische Megastrukturen in unsere Welt einschreiben; wie sie unser Leben, unser Denken, unser Handeln, unsere visuelle Kultur wie auch unsere Wahrnehmung beeinflussen. Es sind jene komplexen und kompliziert verkabelten und verschalteten Systeme, die Tekla Aslanishvili, Pedro Barateiro, Emma Charles, Geocinema (Asia Bazdyrieva und Solveig Suess), Bahar Noorizadeh und Wolfgang Tillmans in ihren Werken in den Blick nehmen. Dabei begegnen die Künstler:innen oft schwer zu erkennenden Verflechtungen und kaum zu überblickenden Größenordnungen. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten sie das Ausmaß dieser Systeme, blicken „hinter“ die Netzwerke, verfolgen deren unterirdischen und überirdischen Verlauf und machen die verborgenen Infrastrukturen des digitalen Alltags sichtbar. Zugleich wird betrachtet wie sich durch den technologischen Fortschritt Wertesysteme wie Zeit, Produktivität und Arbeit verändern.

Daher drängt sich die Frage auf, inwiefern der neue planetarische Maßstab der hyperkapitalisierten Gesellschaft unsere bisherige Perspektive auf die Welt verändert? Welche etablierten Vorstellungen müssen durchbrochen werden? Gleichzeitig fordern die veränderten Größenordnungen auch ästhetische Konventionen heraus. Galt lange Zeit das ikonische, aus der Apollo 17 aufgenommene „Blue Marble“-Foto als adäquate Repräsentation der Erde, wurde das ikonische Foto längst durch sich täglich erneuernde Bilder abgelöst – Bilder, die im Plural existieren. Es geht um ein Verstehen und Vermessen der Erde, während man in weit verteilte Prozesse der Bild- und Bedeutungsproduktion ebenso wie neue Konfigurationen von Macht verstrickt ist. Als Metapher für globalisierte, vernetzte Bildkulturen kann dementsprechend auch der Projektname „Geocinema“ unter den aktuellen technologischen Bedingungen produktiv gemacht werden.

Technologische Infrastrukturen vermitteln, was gesehen, gefühlt und wahrgenommen werden kann und was nicht. Es sind die Bilder, die mittelbar oder unmittelbar mit den Megastrukturen zusammenhängen oder aus ihnen hervorgehen, die für die Künstler:innen von Interesse sind und zum Ausgangspunkt ihres produktiven Blicks werden. Ausgehend von den Übersetzungen der Welt in einen Komplex aus Datenmaterial, aus den komplexen medialen Gefügen und Infrastrukturen entwerfen die Künstler:innen in ihren Werken Bilder und Vorstellungen, die alles andere als vollständig sind, wobei ihre subjektiven Erzählungen offenbaren, wie die Technologie im 21. Jahrhundert die Geopolitik bestimmt und welche (emotionalen) Reaktionen dies auslösen kann. Sie adres-sieren die affektiven Erfahrungen mit Navigationssystemen (Pedro Barateiro, Bahar Noorizadeh), bewegen sich auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung von Kabeln, Antennen und Computern (Emma Charles, Geocinema, Wolfgang Tillmans) und weisen so konzeptuell wie skeptisch in die Zukunft (Geocinema, Tekla Aslanishvili).

Kuratorinnen: Merle Radtke und Vera Tollmann
Assistenz: Franca Zitta

Die Ausstellung wird gefördert durch:

Das Programm der Kunsthalle Münster wird unterstützt vom Freundeskreis der Kunsthalle Münster.