Thomas Schütte, Kirschensäule, 1987. Installationsansicht 2017

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Thomas Schütte, Kirschensäule, 1987, 51°57'32.5"N 7°37'43.0"E

Als Thomas Schütte (geb. 1954) in den 1980er Jahren auf einem Rundgang durch Münster auf den Harsewinkelplatz stieß, fuhren noch Autos über den Platz und parkten dort. Die Stadt duldete das chaotische und lebendige Durcheinander aus Fahrradständern, Parkuhren, ein paar Bäumen und Telefonzellen. Dieses zufällige und unbeschränkte Treiben inspirierte Schütte zu einem Kommentar über die gängige Instrumentalisierung von Kunst im öffentlichen Raum zur Aufwertung von Plätzen und Fassaden. Wie in vielen seiner künstlerischen Arbeiten bediente er sich hierfür der Karikatur: Mittels Übertreibung, Überladung, Verfremdung und Sarkasmus ‚garnierte‘ der Künstler die Stadt Münster mit einer weiteren Skulptur.1

Inmitten des Platzes, an der Stelle, wo bis kurz zuvor ein großer Baum gestanden hatte, platzierte Schütte eine monumentale Säule aus Baumberger Sandstein. Dieses typische Münsterländer Material wurde auch für den Bau des Domes sowie des Prinzipalmarktes verwendet. Die Säule besteht aus den klassischen architektonischen Elementen Basis, Schaft und Kapitell, wobei diese in ungewöhnlichen Größenverhältnissen zueinander stehen. Absichtlich etwas zu wuchtig geraten, erinnert das runde Kapitell an eine Spielfigur, an einen Kerzenhalter oder einen Kelch. Das traditionelle Material steht in Kontrast zu der postmodernen Formensprache des Sockels und einem knallig glänzenden Paar Kirschen, das auf dem Kapitell aufliegt. In signalrot lackiertem Aluminium thronen die Kirschen verführerisch und mit erotischer Sinnlichkeit über dem Zentrum des Platzes und rufen Assoziationen zu Kunstwerken der Pop-Art hervor.

Aufgrund ihrer Gestaltung kommentiert Schütte mit der Kirschensäule eine Vielzahl denkbarer Qualitäten und Funktionen von Kunst im öffentlichen Raum: Sie ist Skulptur, Denkmal und Verweis auf den Ort, an dem sie steht. Ferner ist sie über die Jahrzehnte ihres Bestehens zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden und gab kurioserweise den Impuls für die strukturelle Neugestaltung des Platzes. Besonders diese Entwicklung unterstreicht die Ironie des Kunstwerkes, war es doch gerade das merkwürdige Gefüge und die Architektur des Platzes, worin die Kirschensäule ihre Absurdität selbst ausstellen konnte. Sie ‚garniert‘ die Stadt damit im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Clara Napp

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Friedrich Meschede, Thomas Schütte oder die Macht der Kirschen. In: Klaus Bußmann, Kasper König und Florian Matzner (Hg.), Skulptur. Projekte in Münster 1997, Ausst.-Kat.: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, Ostfildern-Ruit 1997, hier: 382.

Dieser Beitrag ist für das Skulptur Projekte Archiv entstanden und wurde der Kunsthalle Münster zur Verfügung gestellt. Auf der Website des Skulptur Projekte Archiv sind alle Werke zu finden, die zur Öffentlichen Sammlung der Skulptur Projekte gehören.