Silke Wagner, münsters GESCHICHTE VON UNTEN, 2007, 51°57'37.1"N 7°38'02.0"E

Silke Wagner, münsters GESCHICHTE VON UNTEN, 2007. Installationsansicht 2017

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Silke Wagners (geb. 1968) Beitrag für die skulptur projekte münster 07 ist ein Hybrid aus figurativer Skulptur und Litfaßsäule, das mit den Inhalten der Website www.uwz-archiv.de korrespondiert.1 In Wagners Arbeit wird der 1999 verstorbene Münsteraner Paul Wulf zur Projektionsfläche: Wulf steht exemplarisch für zivilen Widerstand und den antifaschistischen Kampf im Nachkriegsdeutschland. Stadtbekannt marschierte er mit einer Aktentasche voll mit Dokumenten und Zeitungsartikeln durch die Straßen und konfrontierte seine Mitmenschen mit seiner Geschichte. 1938 wurde er im Alter von 16 Jahren im Sinne der nationalsozialistischen Rassenhygiene zwangssterilisiert. Im Kampf um die Anerkennung seines Falls durchlief er alle gerichtlichen Instanzen. Während der Ausstellungslaufzeit wurde sein bildhauerisches Abbild, ausgeführt von Herbert Rauer, ähnlich einer Litfaßsäule mit Plakaten beklebt: Anhand von Dokumenten aus dem Umweltzentrum-Archiv, einem der größten alternativen Archive Deutschlands, gaben diese Einblick in Wulfs Lebensgeschichte, die Anti-Atomkraft-Bewegung und den Häuserkampf in Münster sowie die politische Zensur von Texten in Deutschland. Die Website www.uwz-archiv.de, auf welche die Skulptur verweist, macht eine Fülle weiterführender Materialien aus den Beständen des Archivs digital verfügbar.

Nach Ausstellungsende kam es zu einer stadtpolitischen Kontroverse über einen möglichen Verbleib der Arbeit. Entgegen der Empfehlung der zuständigen Kunstkommission wurde der Ankauf durch die Stadt zunächst abgelehnt, ein Verbleib vor dem Stadthaus grundsätzlich ausgeschlossen. Erst auf Grundlage einer Bürgerinitiative erwarb die Stadt die Skulptur 2010 und stellte sie auf dem Servatiiplatz erneut auf.

Wagner geht davon aus, dass Öffentlichkeit da entsteht, wo der Konsens zusammenbricht.2 Diese Haltung ist grundlegend für das Verständnis ihrer Projekte im öffentlichen Raum. Die überlebensgroße Figur beleuchtet – vor allem am ursprünglichen Standort vor dem Stadthaus – das städtische Selbstverständnis und die Erinnerungspolitik kritisch und wirft die Frage auf, aus wessen Perspektive Geschichte geschrieben wird. Dem UWZ-Archiv als Speicher alternativer Erzählungen verleiht das Projekt zudem eine andere Öffentlichkeit. Die Aufmerksamkeit, welche die Arbeit generiert, und der Niederschlag, den die öffentliche Auseinandersetzung weit über den Ausstellungszusammenhang hinaus findet, sind wesentliche Elemente der Arbeit.3

Anna Sophia Schultz

1

Silke Wagner, Silke Wagner – münsters GESCHICHTE VON UNTEN. In: Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath (Hg.), skulptur projekte münster 07, Ausst.-Kat.: LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, Köln 2007, 249–255.

2

Siehe online: www.rolf-van-raden.de/wordpress/2011/06/„offentlichkeit-entsteht-wenn-der-konsens-zusammenbricht“-silke-wagner-uber-politische-kunst-und-repression/ [23.5.2016].

3

Die 2012 auf Grundlage eines Bürgerantrages erfolgte Umbenennung des nach dem NS-Eugeniker Karl Wilhelm Jötten benannten Jöttenwegs in Münster in Paul-Wulf-Weg wurde durch Wagners Projekt und die anschließende Diskussion befördert.

Dieser Beitrag ist für das Skulptur Projekte Archiv entstanden und wurde der Kunsthalle Münster zur Verfügung gestellt. Auf der Website des Skulptur Projekte Archiv sind alle Werke zu finden, die zur Öffentlichen Sammlung der Skulptur Projekte gehören.