Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen, 1987, 51°57'55.2"N 7°36'56.5"E
Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen, 1987. Installationsansicht 2017
CreditZum ersten Mal nahm Per Kirkeby (1938–2018) 1987 an den Skulptur Projekten teil und realisierte seine mehrteilige Arbeit Backstein-Skulpturen. Von der ursprünglich dreiteiligen Arbeit des dänischen Künstlers sind zwei Skulpturen bis heute erhalten. Die dritte Skulptur befand sich im Lichthof des Westfälischen Landesmuseums – seit 2013 LWL-Museum für Kunst und Kultur – und wurde nach der Ausstellung abgebaut. Die beiden verbliebenen Skulpturen befinden sich in unmittelbarer Nähe zueinander noch immer an ihrem ursprünglichen Standort auf den Wiesen zwischen dem barocken Residenzschloss und der Straße, die den Schlossplatz begrenzt.
Bei einer der beiden Skulpturen handelt es sich um einen etwa fünf Meter hohen aus Backsteinen gemauerten Quader. An allen vier Seiten wird er durch bogenförmige Öffnungen durchbrochen. Die zweite Skulptur ist demgegenüber verhältnismäßig flach, fast wie eine kleine Bühne oder Plattform, die zum Verweilen einlädt. Ihre quadratische Grundfläche wird durch Widerlager und angedeutete Strebebögen gefasst. Mit der Form greift Kirkeby das Motiv des griechischen Kreuzes auf, während die Strebebögen auf ein traditionelles Bauelement verweisen, das im Brücken- und Kirchenbau verbreitet ist. Kirkeby nimmt bestehende Gestaltungsprinzipien und Baustile auf, um sie in Form von Scheinarchitekturen ihrer ursprünglichen Funktion zu entziehen. Die umliegende Architektur wird dabei nicht nur durch den verwendeten Backstein, der seit den 1970er Jahren zu einem charakteristischen Merkmal seiner Skulpturen geworden ist,1 sondern auch durch die Formsprache zitiert. Steht man vor der flachen Skulptur Kirkebys, ergibt sich eine Blickachse mit dem dahinterliegenden Gebäude des Instituts für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen. Beim Betrachten finden sich einige Parallelen zwischen den Scheinarchitekturen Kirkebys und der dahinterliegenden Architektur. Die schmale Wölbung vom Boden und der damit entstandene Hohlraum von Kirkebys flacher Skulptur liegt auf einer Achse mit dem flachen Fenster innerhalb des Treppenvorbaus des Gebäudes. Der gemauerte Bogensturz über den Fenstern des Gebäudes lässt sich ebenfalls in den Skulpturen finden.
In Kirkebys Adaption gängiger Bauweisen in seinen Backstein-Skulpturen werden die architektonischen Elemente ihrer Funktion beraubt, in beiden Skulpturen bleibt der Raum über den Strebebögen leer, sodass deren Funktion als tragende Strukturen obsolet ist. Kirkeby schafft mit seinen beiden Backstein-Skulpturen Scheinarchitekturen, überführt architektonische in skulpturale Formen.
Marie-Féline Malavasi
Nachdem Kirkeby mit Huset 1973 in Ikast seine erste Skulptur im öffentlichen Raum realisierte, folgten bis in die 2000er Jahre viele weitere Backstein-Skulpturen, die im öffentlichen Raum aufgestellt wurden. Weitere Skulpturen finden sich nicht nur in Münster, sondern auch in Neuss, Recklinghausen, Kassel, Frankfurt am Main, Bremen, Berlin, Kiel, Höganäs (Schweden), Læsø (Dänemark), Esbjerg (Dänemark), Ikast (Dänemark) und Bergen (Norwegen).