Norbert Kricke, Raum-Zeit-Plastik, 1955/56, 51°57'52.4"N 7°37'45.7"E

Norbert Kricke, Raum-Zeit-Plastik, 1955/56

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Als die Städtischen Bühnen Münster am 4. Februar 1956 feierlich eröffneten, machte die Öffentlichkeit nicht allein Bekanntschaft mit dem ersten vollständig modernen Theaterbau der Bundesrepublik, sondern erblickte auch das erste zeitgenössische Kunstwerk im Münsteraner Stadtraum: die Raum-Zeit-Plastik des Düsseldorfer Künstlers Norbert Kricke (1922–1984) – eine gegenstandslose Plastik aus gebogenem Stahldraht, die noch heute einige Meter über dem Eingangsbereich des Theaters, eine schwebend leichte, dynamisch kreisende Raumlinie beschreibt.

Krickes Arbeit, deren Entwurf 1955 als Sieger aus dem Wettbewerb für die Gestaltung der Theaterfassade hervorging, ist nicht als solitäres Objekt zu verstehen. Stattdessen gewinnt sie ihre Wirkung im unmittelbaren Dialog mit dem außergewöhnlichen Gebäude des vierköpfigen Architektenteams Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau. Den Ausgangspunkt des architektonischen Konzepts bildete die Idee, die Ruine des klassizistischen Vorgängerbaus von Wilhelm Ferdinand Lipper (1733–1800) als „lebendige Kulisse“ im Innenhof des Neubaus stehen zu lassen und auf diese Weise Krieg und Zerstörung als Voraussetzung des Neubeginns sichtbar und erfahrbar zu machen.1 In dieses Spannungsfeld tritt Norbert Krickes Raum-Zeit-Plastik, die als spielerisch freie Form einen Kontrapunkt zur Ruine im Hof und zur Architektur des Neubaus herstellt. Die weiße Linienformation aus zwei gebogenen Stahldrähten folgt dem architektonischen Winkel der Eingangssituation. Dabei löst sie sich von den Fassadenflächen und bildet schwungvoll eine Schleife im Luftraum, während sich ihre Enden zum Stadtraum öffnen. Hierdurch lenkt die fast körperlose Raumplastik den Blick ebenso auf den Theaterbau wie auf den Kontext der Innenstadt und den unbegrenzten Raum des Himmels. Wie ein Luftwirbel lädt sie die Betrachtenden dazu ein, dem Verlauf der Linien mit dem Blick zu folgen und die räumliche Spur als zeitlichen Vorgang einer Bewegung zu imaginieren. Entsprechend formulierte Norbert Kricke in den 1950er Jahren seine künstlerische Leitidee: „Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum, und es ist die Bewegung – Raum und Zeit. Ich will keinen realen Raum und keine reale Bewegung (Mobile), ich will Bewegung darstellen. Ich suche der Einheit von Raum und Zeit eine Form zu geben.“2

Ebenso wie die modernen Theaterbauten der Bundesrepublik einer neuen Idee von Öffentlichkeit Gestalt verleihen sollten, wurde auch der Kunst im öffentlichen Raum beziehungsweise der Kunst am Bau eine besondere Rolle im Dienst der Demokratisierung zugedacht. Kunst sollte zum offenen Austausch anregen und Gemeinschaft stiften. Während das Urteil der Münsteraner:innen bezüglich des neuen Theaters positiv ausfiel und der Bau von der Presse als „Donnerschlag der Theaterarchitektur“3 gefeiert wurde, erntete die Raum-Zeit-Plastik von Norbert Kricke von Seiten der Bürger:innen gemischte Reaktionen. Trotzdem blieb sie nicht folgenlos, sondern hatte langfristig Initialwirkung für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst in Münster. So bezeichnete sie der „Erfinder“ der Skulptur Projekte und langjährige Direktor des Westfälischen Landesmuseums Klaus Bußmann (1941–2019) noch Jahrzehnte später als seine „erste und glückliche Begegnung mit ‚Kunst im öffentlichen Raum'“.4 Als gestalterisch freie Antwort auf eine gegebene architektonische Situation ist sie noch heute exemplarisch.

Julius Lehmann

1

Claudia Blümle/Jan Lazardzig: Öffentlichkeit in Ruinen. Zum Verhältnis von Theater, Architektur und Kunst in den 1950er Jahren, 9–37, in: Claudia Blümle (Hrsg.): Ruinierte Öffentlichkeit. Zur Politik von Theater, Architektur und Kunst in den 1950er Jahren, Zürich 2012, 9.

2

Norbert Kricke, zit. nach: Carola Giedion-Welcker: Plastik des XX. Jahrhunderts. Volumen und Raumgestaltung, Stuttgart 1955, 197.

3

Johannes Jacobi: „Deutsche Städte bauen neue Theater. ‚Donnerschläge‘ der Architekten – Ratlosigkeit rechnender Bauherren und technische Experimente“, Die Zeit, 12. Juli 1956.

4

Klaus Bußmann, in: Allen Ruppersberg. A Tourguide to: The Best of all Possible Worlds / Die beste aller möglichen Welten, erschienen im Rahmen der Skulptur.Projekte in Münster 1997, Münster 1997, 14.