Mark Formanek, Datum, seit 1992, 51°57'42.9"N 7°37'36.8"E

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Mark Formanek, Datum, seit 1992

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Drei Meter über dem Boden hängt ein kleines weißes Schild an einer Klinkerwand zwischen Domplatz und Historischem Rathaus an der Ecke Michaelisplatz. Im Vergleich zu großen Werbetafeln oder auffälligen Plakatierungen ist es eher unscheinbar, ist Teil des täglichen Stadtlebens. Der Konzeptkünstler Mark Formanek (geb. 1967) kreierte das Werk, das insgesamt aus 12 Schildern besteht. Sie sind alle gleich gestaltet, lassen sich lediglich durch ihre Beschriftung unterscheiden – entsprechend dem Titel der Arbeit trägt jedes Schild sein eigenes Datum, bestehend aus Tag, Monat, Jahr und Uhrzeit, auf die Minute genau. Das erste Schild wurde 1992 am Hawerkamp aufgehängt, das folgende aus dem Jahr 1996 dann am heutigen Ort am Michaelisplatz: 13. März 2000 17.15 Uhr. Darauf folgte alle vier Jahre ein anderes Schild: 12. März 2004 17.45 Uhr, 24. März 2008 17.00 Uhr, 28. März 2012 16.45 Uhr, 3. April 2016 17.15 Uhr, 2. April 2020 16.00 Uhr, 27. März 2024 16.30 Uhr … Das Werk besitzt einen eigenen Rhythmus; es kommt zu einer ständigen Wiederkehr, einem Ritual, jenseits der üblichen Feiertage, die sich über das Jahr verteilen.

Nur auf die im Auftrag des Künstlers vollzogene Handlung zu warten, riefe wahrscheinlich eine große Enttäuschung hervor, da zum jeweiligen Datum lediglich das Schild durch ein neues ausgetauscht wird – einem Datum ein anderes folgt. Trotzdem oder gerade weil dieses Werk im Stadtraum eine gewisse Trockenheit besitzt, nicht mehr als ein Konzept, eine subversive Geste darstellt, kommt den Rezipientinnen eine entscheidende Rolle zu. Sie zelebrieren es, mit Sekt, Kuchen, Blumen und Applaus, guten Gesprächen, dem Kennenlernen neuer Leute und dem bewussten Genießen dieses Augenblicks. Das Wechseln des Schildes bildet einen Anlass, jedoch sind es die Menschen, die aus dem Werk ein Ereignis werden lassen und damit zu Akteurinnen werden. Es entwickelt sich eine Eigendynamik. Das Schild selbst erscheint als Werkzeug, vergleichbar mit dem ersten Stein beim Dominoeffekt.

In den vier Jahren, in denen das jeweilige Schild an jener prominenten Stelle in der Innenstadt hängt, die von vielen Münsteraner*innen täglich gekreuzt wird, weil sie sich im Zentrum der Stadt befindet, ruft es in eben diesen Neugierde und Spannung hervor. Was wird sich an diesem Datum zu der angegebenen Uhrzeit ereignen? Durch den über lange Zeit gesteigerten Willen, dabei sein zu wollen, versammeln sich unabhängig voneinander viele Menschen zum angekündigten Zeitpunkt vor der Wand. Eine Gruppe Gleichgesinnter entsteht, nicht nur, weil sie sich allesamt dazu entschieden haben, den Zeitpunkt in ihrem Kalender zu markieren – auch aus ganz persönlichen Gründen, etwa dem Geburtstag, der aus gegebenem Anlass dort neben dem Domplatz eingeläutet werden soll.

Zudem kann das Werk der Bewusstwerdung der Zeit und Relativierung von Ereignissen dienen. Man wartet vier Jahre auf dieses eine Datum, sehnt diese bestimmte Uhrzeit herbei und dann kommt der Tag, die Minute verstreicht und schon ist es vorbei. Man mag wenig Einfluss darauf haben, dass die Zeit verstreicht, was in der Zwischenzeit geschieht und doch hat man immer eine Wahl, mit welcher Einstellung man dem Gegebenen entgegentreten, wie man eine Situation nutzen möchte. Die Zeit vergeht schnell und hält nicht an. Menschen eilen von einem Termin zum nächsten und haben währenddessen viele andere Dinge im Kopf, die sie versuchen, in ihrem vollen Kalender unterzubringen. Da braucht es manchmal jemanden oder etwas, das einen innehalten lässt, sei es auch nur für einen Moment. Ein Schild, das uns sagt: „Guck mal, welches Datum und welche Uhrzeit wir haben!“ Als Chance, sich ein wenig Zeit zwischen den schnellen Alltagsabläufen zu nehmen.

Auch in anderen Werken beschäftigte sich Mark Formanek mit der Zeit, ihrem Voranschreiten, ihrer Vergänglichkeit sowie ihrer körperlichen Bewusstwerdung.¹ „Händler der Zukunft und Vergangenheit“ – diesen Namen hat sich der Künstler also redlich verdient. Insgesamt 48 Jahre lang werden die Schilder der Reihe Datum regelmäßig ausgetauscht. Bis 2040 haben die Münsteraner*innen die Chance, sich auf das Angebot des Handelns einzulassen. Dann wird Mark Formanek der Stadt fast 50 Jahre Zeit gegeben haben, das Schild wird abgehängt und nicht mehr durch ein Neues ersetzt.

Laura Schulte Sasse

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Mark Formaneks Standard time besteht aus einer riesigen digitalen Uhr, 4 x 12 Meter groß, deren Zahlen aus Holzlatten zusammengesetzt wurden. Die Holzlatten können sich nicht auf mechanische Weise bewegen. Es braucht Muskelkraft – und zwar viel, denn Ziel des Werkes ist es, synchron die aktuelle Uhrzeit anzuzeigen. 72 Arbeiter*innen gestalteten die Zahlen in insgesamt vier Schichten 1611 Mal während der 24-stündigen Performance um. Das ganze wurde für eine DVD aufgenommen, die, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt in ein Laufwerk einlegt, immer die exakte Uhrzeit wiedergibt.