Gerhard Richter, Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel, 2018, 51°57'43.236"N 7°37'50.7"E

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Gerhard Richter, Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel, 2018. Installationsansicht

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Seit Juni 2018 befindet sich die Installation Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel von Gerhard Richter (geb. 1932) in der Dominikanerkirche, die 1708–1725 nach Entwürfen des Architekten Lambert Friedrich von Corfey als Teil einer Klosteranlage erbaut wurde. Die Architektur ist ein herausragendes Beispiel des barocken römisch-französischen Hochstils. Das Werk in Münster ist neben dem Fenster im Kölner Dom (2007) Richters zweite Arbeit, die in einer Kirche realisiert wurde – in diesem Fall einer profanierten. Den Mittelpunkt des Werks bildet das von Richter entworfene Foucault’sche Pendel, das in Zusammenarbeit mit dem Physikalischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität entstanden ist. Es besteht aus einer Metallkugel (ø 22 cm, 48 kg), die mit einem 28,75 Meter langen Edelstahlseil in der Vierungskuppel der barocken Kirche befestigt ist. Für die ununterbrochene Pendelbewegung der Kugel sorgt ein elektromagnetischer Antrieb unterhalb der kreisrunden Bodenplatte aus Grauwacke – einem 380 Millionen Jahre alten Sedimentgestein. Das Verhältnis des Pendels zur sich drehenden Erdoberfläche lässt sich an der 360-Grad-Winkelmaßskalierung der Bodenplatte ablesen. Das wissenschaftliche Experiment bedarf hier der Gestaltung, um nachvollzogen werden zu können.

Für seine Installation übernahm Gerhard Richter die bestehende Versuchsanordnung des französischen Physikers Léon Foucault. 1851 fand dieser heraus, dass sich die Fläche unter einem freischwingenden Pendel langsam dreht. Da die Schwerkraft nur senkrecht wirkt, wurde klar, dass sich nicht das Pendel bewegte, sondern der Boden. Mit seinem äußerlich einfach aufgebauten Pendelversuch gelang es Foucault im Pariser Panthéon erstmals einer breiten Öffentlichkeit die nicht unmittelbar wahrnehmbare, jedoch alles beeinflussende Erdrotation sichtbar zu machen. Auch wenn diese Mitte des 19. Jahrhunderts längst bewiesen war, war es neu, die Drehung der Erde um ihre eigene Achse aus der Beobachtung des eigenen Planeten augenfällig nachzuweisen. Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner bemerkte dazu: „Auf der einen Seite gehört der Pendelversuch in die Physik- und Astronomiegeschichte […]. Auf der anderen Seite gehört er in die Geschichte des öffentlichen Auftritts der Wissenschaft.“1

Flankiert werden Pendel und Bodenplatte von vier hochrechteckigen grauen Glasbahnen (je 6 x 1,34 m), deren Material und Farbgebung in Richters Œuvre seit den späten 1960er Jahren immer wieder auftauchen. Die Scheiben sind rückseitig grau emailliert, die Vorderseite ist mit einer spiegelnden Schicht bedampft. Die Bahnen hängen paarweise an den Wänden des Querhauses der Dominikanerkirche. Zwei der Glasbahnen sind identisch dunkelgrau, die beiden anderen zeigen einen unterschiedlich hellen Grauton. Gerhard Richter formulierte 1975: „Grau. Es hat schlechthin keine Aussage, es löst weder Gefühle noch Assoziationen aus […]. Und es ist wie keine andere Farbe geeignet, ‚nichts‘ zu veranschaulichen. Grau ist für mich die willkommene und einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit, Gestaltlosigkeit.“2 Es ist die visuelle Wahrnehmung als solche, die Richter interessiert. Über fünf Jahrzehnte hat er das Medium Malerei erforscht, dessen Bedingungen und Möglichkeiten in seinen Werken befragt. Eine der Fragen, mit denen sich der Künstler immerzu beschäftigt hat, gilt dem Verhältnis von Malerei und Wirklichkeit. Um diesem nachzugehen, hat er sämtliche Varianten der malerischen Subjektkritik mit Rekurs auf die jeweils avanciertesten Techniken durchgespielt. Das Bild als Fläche, als Blickfeld und Durchblick zu betrachten leitet zu Richters künstlerischer Auseinandersetzung mit den Spiegeln und Glasscheiben über.

Alles was zwischen den Doppelspiegeln der Dominikanerkirche passiert, wird unweigerlich ins Werk einbezogen. Das betrachtende Subjekt wird auf sich zurückgeworfen und mit den Möglichkeiten sowie der Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung konfrontiert. Richters Glasscheiben und Spiegel verweisen auf die Unendlichkeit möglicher Darstellungen und auf die gleichzeitige Begrenztheit dessen, was darstellbar ist – keine Wahrheit wird absolut gesetzt, kein Bild der Wirklichkeit erzeugt, das endgültig zu fassen ist. Das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente der Installation macht diese zu mehr als einem physikalischen Versuch. Man findet sich wieder in einer Gemengelage aus Wissenschaft und bildender Kunst, aus Naturgesetz und subjektivem Erleben. Die Installation macht etwas sinnlich erfahrbar, das sich unserer begrenzten Wahrnehmung entzieht, zugleich befragt sie unser Verlangen zu sehen und zu verstehen.

Merle Radtke

1

Michael Hagner, Foucaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter, Köln 2021, 12.

2

Gerhard Richter, „Aus einem Brief an Edy de Wilde, 23.2.1975“, in: Dietmar Elger und Hans Ulrich Obrist (Hg.), Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews und Briefe, Köln 2008, 92.

Begleitprogramm:

21.8.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

Öffentliche Führungen zu Gerhard Richters Installation Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel

, Dominikanerkirche

18.9.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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16.10.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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20.11.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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16.1.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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20.2.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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20.3.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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24.4.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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15.5.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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19.6.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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17.7.2022, 11:30 Uhr, 12:00 Uhr,

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