Donald Judd, Ohne Titel, 1976/77, Installationsansicht 2017

Credit

Donald Judd, Ohne Titel, 1976/77, 51°56'59.3"N 7°36'04.8"E

Donald Judd (1928–1994) positionierte 1977 zwei konzentrische Ringe aus Beton am Abhang zum Aasee. Der innere Ring ist, analog der Spiegelfläche des Sees, horizontal ausgerichtet, der äußere folgt dem Gefälle des Grashügels. Je nach Standpunkt der Betrachter*innen verändert sich die Perspektive und damit die Wahrnehmung der beiden Kreise sowie ihre Position zueinander im offenen Gelände. „Dreidimensionalität ist realer Raum. […] Tatsächlicher Raum ist an sich viel mächtiger und spezifischer als Farbe auf einem flachen Untergrund“, kommentierte Judd 1964 den Umgang mit Volumen.1 Statt Raumillusionen zu erzeugen, forderte Judd eine unmittelbare Erfahrbarkeit seiner Kunst – auch in Abgrenzung zum europäischen Ideal der repräsentativen Skulptur. Sein Essay Specific Objects aus dem Jahr 1964 wird oft als Manifest einer neuen amerikanischen Kunst gelesen, welche die Bedeutung von Illusion und repräsentativem Raum als Gegenpol zum realen Raum verwirft. Ausgehend von der Malerei und auf der Suche nach Möglichkeiten, Farbe eine plastische Form zu geben, um sie im Raum wirken zu lassen, brach Judd damit in den 1960er Jahren mit bisherigen künstlerischen Strategien.

Wie in vielen seiner Arbeiten variiert auch in den Ringen ein einfacher, geometrischer Körper zwischen offener und geschlossener Form; die Gegenpole Anfang und Ende, Fülle und Leere heben sich auf. Obwohl Judd die Bezeichnung Minimal Art für seine künstlerische Praxis stets ablehnte, gilt er zusammen mit Künstlern wie Robert Morris und Sol LeWitt als Begründer dieser in den 1960er Jahren in New York aufkommenden Kunstströmung. Form und Material seiner seriell und industriell angefertigten Objekte stehen in enger Verbindung miteinander. Mittels dieser Verschränkung beharrte Judd auf der Dingqualität seiner Objekte: Ihre Deutungsebene übersteigt nicht den Gegenstand selbst, sie sind nicht Symbol für etwas Anderes. Seine Kunst sollte nicht repräsentativ sein, sondern – immer den Menschen als Maß im Blickfeld – zur körperlichen Erfahrung werden. Der/Die Betrachter*in kann realisieren, „daß er/sie selbst die Beziehungen durch den Wandel des Augpunktes, der Beleuchtung und der räumlichen Zusammenhänge setzt und dass die Benennung des Maßstabes eine Funktion seiner eigenen Körpergröße ist“.2 Judds Werke beziehen sich absolut auf ihre Umgebung und auf ihr jeweiliges landschaftlich-topografisches oder architektonisches Raumgefüge. Die beiden konzentrischen Betonringe in Münster zeigen quasi einen Idealtypus der vorhandenen Topografie.

Sophia Trollmann

1

Bernhard Kerber, Bemerkungen zu einigen Großprojekten der Ausstellung. In: Klaus Bußmann und Kasper König (Hg.), Skulptur Ausstellung in Münster 1977, Ausst.-Kat.: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, Münster 1977, 71–87, hier 78.

2

Donald Judd zitiert in: Thomas Kellein (Hg.), Donald Judd. Das Frühwerk / Early Work 1955–1968, Ausst.-Kat.: Kunsthalle Bielefeld / The Menil Collection, Houston, Bielefeld 2002, 94.

Dieser Beitrag ist für das Skulptur Projekte Archiv entstanden und wurde der Kunsthalle Münster zur Verfügung gestellt. Auf der Website des Skulptur Projekte Archiv sind alle Werke zu finden, die zur Öffentlichen Sammlung der Skulptur Projekte gehören.