6.5. – 18.6.2006,

Ugo Rondinone. A waterlike still

Eine Glühbirne, eine Maske, ein paar Schuhe, eine Fensterwand und … Eine eigentümliche Atmosphäre, fast irreal, wie im Traum, durchdrungen von einer unbestimmbar leisen, jedoch eindringlichen Stimmung erwartet die Besucherinnen. Rätselhaft und zugleich anziehend. Die Besucherinnen begegnen einer Vielzahl von Eindrücken, die auf den ersten Blick keinen sinnvollen Zusammenhang ergeben. Der Blick schweift umher, schwebt durch den Raum bis er plötzlich gefangen wird. Festgehalten durch ein Objekt oder einen Moment von vertrauter Erkennbarkeit, um im nächsten Augenblick durch das Gefühl einer beunruhigenden Befremdung wiederum abgestoßen zu werden. Eine aus Wachs hergestellte Glühbirne, die an einen überdimensionierten, absurden Gegenstand der Popart erinnert, schwebt in dem Raum, gibt allerdings kein Licht in das Geschehen. Und doch gilt sie als Zeichen für das absolut Vertrauliche, jedoch abstrakte Ordnungssystem – die Zeit. Die Glühbirne ist eine von 24, jeder mit einer Stunde des Tages betitelt. Hier in der Ausstellung heißt das Kunstwerk The eight hour of the poem.

Die multimediale Installation erzeugt Fremdes und zugleich banal Vertrautes, wie die Gegenpole umeinander kreisen, sich beständig anziehen und abstoßen, stets um die Bedeutung von Zusammengehörigkeit ringen. Die motivierende Kraft von Rondinones Kunst ist, zu zeigen, wie man aus dem irreal erscheinenden Unsinn einen Sinn herauslesen kann. Es interessiert ihn aber auch die Umkehrung dieser Frage. Wo liegt im Vertrauten die Rätselhaftigkeit, die wir benötigen, um die Banalität des Alltags zu ertragen. Gibt uns die Maske eine Antwort? Auch dem Motiv Maske begegnet man in Rondinones Inszenierungen immer wieder. Deutet diese Maske auf die Möglichkeit, Wirklichkeit in einem symbolischen, ja magischen Gewand zu erleben? Dieses aus Alluminium hergestellte Requisit trägt den Titel Sunrise July. Auch in diesem Fall markiert Rondinone mit seinen Objekten den Zyklus der Zeit. Verklärung und Aufklärung gehen in dem Werk dieses poetischen Realisten Rondinone eine untrennbare Verbindung ein. Er zeigt, wo das Reale im Traum und das Traumhafte in der Wirklichkeit verborgen ist. Ugo Rondinone ist ein Romantiker, der nach poetischen Inseln sucht, um eine Landung in der Realität zu ermöglichen. Die Arbeiten des Schweizer Künstlers führen die Wahrnehmung der Betrachter*innen auf verschlungenen Erkenntnispfaden. Es ist ein Weg, der eine verblüffende Ähnlichkeit hat mit literarischen Positionen des absurden Theaters. Banal, doch zugleich bedrückend. Wie häufig in seinen installativen Projekten begreift Rondinone auch in Münster den vorgefundenen Ausstellungsraum als Bühne. Den verwandelten Blick durch die Fensterwand auf den Dortmund-Ems-Kanal verorten die Requisiten in der räumlichen und zeitlichen Realität. Rondinones Arbeiten haftet eine seltsame Emotionalität an, seine dramaturgischen Eingriffe machen auf die Manipulation aufmerksam, denen unsere Gefühle ausgesetzt sind. Leise und vorsichtig bringt er seine Stimme mit derjenigen des Raumes in einen Dialog. Es ist eine Stimme, die von “deins und meins” erzählt. Innere Subjektivität und äußere Rationalität sind darin seltsam miteinander verwoben. Ugo Rondinone erprobt Visionen, versucht sie zu retten und ihnen einen Halt zu geben. Dort, wo dies nicht gelingt, beklagt er die Vergeblichkeit dieses romantischen Unterfangens. Es ist ein Dialog ohne erkennbaren Anfang oder Ende, Momente von deutlicher Verständlichkeit treten hervor, um im nächsten Augenblick in einem rätselhaften Ring um Bedeutung zu versinken.

Eine riesige „0", plakativ wie ein ausgeschnittener Buchstabe aus einer historischen Typographie, fällt sofort auf. Die gigantische „0" ist der Eingang zu einem Raum im Raum. Ist dies eine Null, die ein absolutes Ende bedeutet oder ein Kreis, der auf das Umfassende abzielt? Keiner weiß es genau. Mit diesem Symbol des Alles und Nichts bringt Rondinone seine ästhetische Dramaturgie ins Rollen. Die Null könnte tatsächlich eine Metapher für die Erkenntnisbewegungen sein, die seine Arbeit antreibt. Wie das Leben um sich selber kreist, um Erkenntnis zu erlangen, entfaltet sich in immer gleichen Bewegungen ein pathetisch witziger Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, die man erst bei Betreten des Raumes hinter der Tür hören kann. Das Paar streitet, der Mann spricht, dann die Frau, bis etwas später die Frau genau das sagt, was der Mann gesagt hat. Rondinone installiert für die Ausstellungshalle in Münster vor der Wand zum Kanal eine Bretterwand mit Fenstern, deren Scheiben gelb grell gefärbt sind. Der Blick auf den Hafen wird verfremdet. Hier spielt der Künstler mit der Ambivalenz von Innenraum und Außenraum, mit der Welt der Gefühle und der harten Realität.

Manchmal lässt Ugo Rondinone einen Clown in seiner Inszenierung auftreten, der wie erschlagen und melancholisch-lethargisch auf dem Boden liegt. Der Spaßmacher, der doch ewiger Loser ist, verkörpert die Vergeblichkeit des Lebens. In Münster zeugen lediglich seine an einem Nagel aufgehängten Schuhe von der Existenz des Clowns. Er ist fort, vielleicht kommt er wieder. Ugo Rondinone hat von 1986 bis 1990 bei Ernst Caramelle an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert, lebt und arbeitet in Zürich und New York. Er arbeitet als Konzept-, Medien- und Installationskünstler, mit großformatigen Holzschnitten, abstrakter Malerei, Skulptur, Fotografie und Comics. Seine interdisziplinäre Arbeitsweise ist nicht leicht einzugrenzen. Unter anderem kuratierte er als Künstler-Kurator Ausstellungen.

Die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster zeigt bis zum 18. Juni die neue Rauminstallation des New Yorker Künstlers Ugo Rondinone A waterlike still. Zahlreiche Einzelausstellungen, u.a. in der Matthew Marks Gallery (New York), der Galerie Esther Schipper (Berlin), der Galerie Eva Presenhuber (Zürich), bei Sadie Coles HQ (London), der Galerie Almine Rech (Paris), der Galleria Raucci/Santamaria (Neapel), dem Centre Pompidou Paris, der Kunsthalle Wien und der Whitechapel Art Gallery (London) haben den 1964 in der Schweiz geborenen Künstler zu einem der vieldiskutierten Namen der Kunstszene gemacht.

Kuratorin: Dr. Gail B. Kirkpatrick

Die Ausstellung ist gefördert durch die Kunststiftung NRW.

Das Programm der AZKM wird vom Freundeskreis der AZKM unterstützt.