2.6. – 26.8.2007,

Phil Collins. gercegin geri donusu / the return of the real

Im Sommer 2007 zeigt der britische Fotograf und Videokünstler Phil Collins in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster seine Mehrkanal-Video- und Fotografie-Installation the return of the real / gercegin geri donusu (2005). In dieser sich fortwährend weiter entwickelnden Arbeit untersucht der Künstler, der 2006 für den Turner Prize nominiert war, die Versprechen und Täuschungen von Talk Shows, Vorher/Nachher-Shows und Reality TV. Die ursprünglich für die 9. Istanbul Biennial konzipierte Installation wurde 2006 auch in der sala rekalde in Bilbao gezeigt.

Die Installation ist einerseits eine Inszenierung von Reality TV, andererseits werden die Strategien dieses Formats aber so überzeichnet, dass eine kritische Selbstreflexion möglich wird: Ehemalige Teilnehmerinnen, die meinen, dass ihr Leben durch ihren Fernsehauftritt ruiniert wurde, werden ein weiteres Mal eingeladen, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie berichten über die Mechanismen der Produktion und darüber, wie sie selbst dargestellt wurden. Diese ausführlichen Porträts bringen zum Vorschein, was in den echten Shows eben nicht zur Sprache kommt: Die ökonomische Ungleichheit zwischen den Teilnehmerinnen und der Produktionsfirma, die sozialen Verhältnisse, die hinter den biographischen Erzählungen stehen, und die Aufdeckung von Traumata, in der das zentrale Anliegen unserer Beziehung zur Kamera besteht.

Collins hat ein vielschichtiges Projekt entwickelt, das verschiedene Aspekte der Unterhaltungsindustrie thematisiert. Über einen türkeiweiten Medienaufruf ermittelte er siebzehn Personen, die das Gefühl hatten, dass ihr Leben durch ihren Auftritt in einer Show grundlegend verändert wurde. In dem Istanbuler Hotel Marmara wurde eine Pressekonferenz organisiert, in deren Rahmen sie sich unzensiert an die nationalen Medien wenden konnten und bis in intime Details über ihre persönlichen leidvollen Erfahrungen mit dem Fernsehen berichteten. Ein örtliches Fotostudio wurde beauftragt, ein offizielles Gruppenbild und eine Serie von Porträts anzufertigen, die an Fotos von Prominenten erinnern. Anschließend verpflichtete Collins den Regisseur einer radikalen türkischen Vorher/Nachher-Show, mit den Teilnehmer*innen in einem professionellen Fernsehstudio eine Reihe von einstündigen Einzelinterviews zu führen. Collins’ dreiteilige Produktion inszeniert eine hochgradig ambivalente Situation, in der die grundlegende Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit und ihrem äußerst ähnlichen Double praktisch unmöglich gemacht wird. Collins benutzt die Kamera, um die Dynamik des medial vermittelten Blicks in Frage zu stellen. Ist die Realität im Kontext des Reality-TV möglicherweise realer? Wo gibt es in einer Kultur, die von solchen Medienereignissen geprägt ist, noch ausschließlich private oder öffentliche Blickwinkel? Und wo findet man ein Publikum, das nicht gleichgültig ist, sondern aufmerksam und mitfühlend? Ist die Privatsphäre nicht längst Teil der globalisierten, medialisierten Öffentlichkeit? Ist es also überhaupt noch möglich, von einer individuellen, persönlichen Identität zu sprechen, oder sind wir längst das Produkt einer öffentlichen Erwartung? Egal, ob wir unsere Geschichte vor laufender Kamera erzählen oder im Stillen über sie nachdenken? Wir alle wollen Stars sein. Phil Collins sensibilisiert für diese Fragen. Und die Antworten, die wir geben, werden bestimmen, was unter Existenz in der Gegenwart zu verstehen ist.

Phil Collins (geb. 1970 in Runcorn, England) ist ein englischer Filmemacher und bildender Künstler. Er lebt in Berlin und Wuppertal und ist seit 2011 Professor für Videokunst an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Arbeiten finden sich u. a. in den Sammlungen des Museum of Modern Art und des Metropolitan Museum of Art in New York und der Tate Gallery in London. Er studierte an der Universität von Manchester und in Belfast am College of Art and Design. Während seiner Zeit in Nord-Irland wurde er Mitglied des Künstlerkollektivs Catalyst Arts. 2006 gewann er den Absolute Prize, 2001 den Paul Hamlyn Award und 2006 war er nominiert für den Turner-Preis. Seine Filme liefen auf vielen internationalen Festivals in Oberhausen, Rotterdam und Berlin. Sie wurden in Einzelausstellungen unter anderem im Dallas Museum of Art (2007), im San Francisco Museum of Modern Art und in der Tate Britain, London (beide 2006) gezeigt.

Die Ausstellung wird großzügig unterstützt vom British Council, von der Henry Moore Foundation, der PSD-Bank Münster, den Freunden der AZKM sowie die Kooperation mit der Kerlin Gallery und der Victoria Miro Gallery.

Das Programm der AZKM wird vom Freundeskreis der AZKM unterstützt.