4.6. – 18.9.2011,

localhost: Internationale Künstler in/aus NRW

In den vergangenen zehn Jahren haben die Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Gegenwartskunst einen radikalen Wandlungsprozess erfahren. Während die Kommunikationsnetzwerke des Kunstbetriebs durch das Internet globaler wurden, entwickelte sich ein gegenläufiger Prozess, der als „Dezentralisierung" der Produktions- und Lebenssituation von Künstler*innen beschrieben werden kann. Die Attraktivität der Kunstmetropolen London, New York, Berlin ist unbestritten, doch auf der Suche nach neuen Tendenzen zeitgenössischer Kunst werden auch die Kunstszenen jenseits der urbanen Zentren genau beobachtet. Produktionsstandorte sind dabei nicht unwichtiger geworden, vielmehr sind neue Produktionszentren für zeitgenössische Kunst entstanden. Die Entwicklung der Kunstlandschaft NRW kann in diesem Sinne als Modellfall gelten: Die Realisierung neuer Museums- und Ausstellungskonzepte, die Verbesserung der Ausbildungssituationen und Infrastrukturen für Künstler*innen und Kurator*innen hat NRW zu einem attraktiven Arbeitsort für Künstler*innen gemacht, die international orientiert und mobil sind.

Das Ausstellungsprojekt localhost - Internationale Künstler in/aus NRW zeigt Arbeiten von Jan Albers, Marianna Christofides, Danica Dakic, Owen Gump, Thea Gvetadze, Adam Harrison, Diango Hernández, Kiron Khosla, Suchan Kinoshita, Rita McBride, Lorenzo Pompa, Glen Rubsamen, 12 internationalen Künstler*innen, die Nordrhein-Westfalen als Lebensmittelpunkt und Arbeitsort gewählt haben. Die Ausstellung stellt Fragen nach dem Verhältnis von Identität und Nationalität: Wie lebt man zwischen zwei Kulturen? Welche Rolle spielt die internationale Kunstsprache? Was bedeutet es, an einem Ort angekommen zu sein?

Ungeachtet ihres internationalen Selbstverständnisses wählen Künstler*innen zumeist einen konkreten Ort als Mittelpunkt ihres Lebens und Arbeitens. Dass dieser Ort fern der ursprünglichen Herkunft liegen kann, diese dann aber die eigenen wie vorgefundenen Praktiken beeinflusst, markiert ein Phänomen in der zeitgenössischen Kunst, das am Beispiel Nordrhein-Westfalen untersucht wird. Die Identifizierung des individuellen Benutzer*innensystems und zugleich dessen Unabhängigkeit von einer geografischen Festlegung, umschreibt im Internet der Fachbegriff localhost. Unter dem Titel localhost hat die AZKM nun zwölf Künstler*innen eingeladen, deren tatsächliche und mentale Heimat Einfluss nimmt auf die jeweiligen Werkprozesse, gleichwohl diese in Nordrhein-Westfalen angesiedelt sind. So greifen die Ausstellungsbeiträge neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität politische, ethische und ästhetische Fragestellungen auf, die zwar innerhalb der jeweiligen Kulturen eine Rolle spielen, jedoch in Nordrhein-Westfalen erdacht, entwickelt und gezeigt werden. Dabei entsteht eine Gemengelage von innerem und äußerem Blick, die sich entscheidend auf die Frage kultureller Identität auswirkt. Ist diese doch nicht länger als

Konstante räumlich eingrenzbar und verhandelbar, sondern erscheint als Passage für wechselhafte Prozesse, deren Dynamik von den künstlerischen Arbeiten ebenso geprägt wie verbildlicht wird.

Jan Albers (geb. 1971 Wuppertal, aufgewachsen in Namibia, lebt in Düsseldorf) verbrachte seine Kindheit bis zur Einschulung in Namibia. Die afrikanische Kultur hat seine ästhetische Denkweise geprägt und ist in seinem künstlerischen Schaffen ebenso in den gewählten Materialen wie der Motivik präsent. Heute lebt und arbeitet der Künstler in Düsseldorf, wo er an der Kunstakademie studierte. Seine farbigen Papierarbeiten, die an energetische Prozesse oder physikalische Kalibrierungsschablonen denken lassen, und denen immer auch etwas von Testbildern für die eigene Wahrnehmung anhaftet, siedeln zwischen Figuration und Abstraktion – ein unlösbar ambivalenter Eindruck, den die oberflächenbehandelten Röhrenobjekte des Künstlers in das dritte Dimension ausweiten.

In Münster wird die ortspezifische Installation General Growth 2 zum Dreh- und Angelpunkt für die Perfomances, Interventionen und Screenings verschiedener Künstler*innen aus dem internationalen Netzwerk der amerikanischen Bildhauerin Rita McBride (geb. 1960 in Des Moines, Iowa, lebt in Düsseldorf). Ihre raumgreifenden Installationen entwickelt McBride unter soziologischen oder kulturellen Gesichtspunkten, die sich in Architektur und Design widerspiegeln. Nach ihrem Master of Fine Arts in Kalifornien 1987 und einigen Aufenthalten in New York, Portugal, Madrid, Rom, Paris und Berlin war sie von 1999 bis 2000 Professorin an der Akademie der Bildenden Künste München und an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris. Seit 2003 ist McBride Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf.

Rita McBride begreift für die Ausstellung die Rolle des localhost wörtlich und veranschaulicht den Aspekt internationaler Vernetzung als nachvollziehbaren Prozess. Mit Blick auf ihre langjährigen Erfahrungen als 'Pendlerin' zwischen den USA und Europa hat sie nun selbst vier Künstler*innen(-gruppen) aus verschiedenen Teilen der Welt nach Münster eingeladen, Performances oder Installationen zu entwickeln, die auf ihren Ausstellungsbeitrag General Growth Bezug nehmen: Jay, Discoteca Flaming Star, Wolfgang Mayer, Alexej Koschkarow, Jen Liu. Kuratiert von Jari Ortwig, Arne Reimann und Joanne Dijkman.

Neben der Auseinandersetzung mit ihren eigenen zypriotischen Wurzeln beschäftigt sich Marianna Cristofides (geb. 1980, Nicosia, lebt in Köln) mit der Entstehung sowie der Geschichte ihrer Heimatstadt Nikosia und deren struktureller und sozialer Entwicklung. Hierbei bedient sie sich einer pseudo-wissenschaftlichen und gleichermaßen philosophischen Herangehensweise, etwa in Form von kartografischen Versuchsanordnungen, die sich durch vorangehende sensible Beobachtungen und Recherchen auszeichnen. Ihre Ergebnisse visualisiert sie mithilfe von Laterna Magica Dias, Collagen, Landkarten, Zeichnungen und Videos, in denen die Grenzen von Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität verschwimmen. Nach ihrem Studium der Bildenden Kunst in Athen und einem einjährigen Aufenthalt in London studierte Christofides an der Medienhochschule in Köln. 2011 vertritt sie Zypern auf der Biennale in Venedig.

Danica Dakic (geb. 1962 in Sarajevo, lebt in Düsseldorf) studierte an den Kunstakademien in Sarajevo und Belgrad und wechselte schließlich nach Düsseldorf, um bei Nam June Paik zu studieren. In der Ausstellung localhost präsentiert die Künstlerin die Videoarbeit Lokores aus dem Jahr 2005. Die Projektion zeigt eine verlassene Hausruine, ohne Dach, Fenster oder Türen, eine leere Hülle auf einer trockenen Rasenfläche. Dennoch ist der Ort aufgeladen von vergangenen Ereignissen, von schönen und von traurigen Geschichten - ein beseelter Ort, der durch akustische wie visuelle Simulation des Atmens geradezu verlebendigt dem Betrachter gegenübertritt.

Owen Gump (geb. 1980, Kentfield, Kalifornien, lebt in Köln) studierte in den Fotoklassen der Kunstakademien in Düsseldorf und in Leipzig. Er arbeitet heute in Köln und in den USA. Mit der Kombination von C-Prints und Schwarz-Weiß-Fotografien, Offset- und Siebdrucken rufen Gumps Arbeiten in der Ausstellung Assoziationen an ein undefiniertes Inselparadies hervor, dessen genauer Standort unklar bleibt. Zwar erinnern die meisten Motive an die US-amerikanische Kultur, sind tatsächlich jedoch – aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst – in Deutschland aufgenommen worden. Auf diese Weise, ebenso wie durch die Manipulation mithilfe rein analoger Fotoprozesse unterläuft Gump das vermeintlich dokumentarische Wesen der Fotografie.

Nach ihrem Studium in Amsterdam und Düsseldorf markierte die Teilnahme an der Biennale in Venedig 2003 einen Punkt in Thea Gvetadzes (geb. 1971 in Riga, Lettland, lebt in Köln und Berlin) Werkentwicklung, an dem sie, wie die Künstlerin selbst sagt, zurück zu ihren georgischen Wurzeln fand. In ihren Gemälden und Zeichnungen verschränken sich intime Erlebnisse und Geschichten collageartig mit unterbewussten traumartigen Sequenzen zu intuitiven Bildwelten. Neben der komplexen inhaltlichen Ebene sind in den Arbeiten aber auch immer wieder der Gestus und die Materialität von integraler Bedeutung.

2009 kam der junge Fotograf Adam Harrison (geb. 1983, Vancouver, Kanada, lebt in Düsseldorf) aus Vancouver nach Düsseldorf und begann hier sein Fotografiestudium an der Kunstakademie. Die für die Ausstellung in Münster entwickelte Arbeit zeigt eine Serie von sieben fotografierten Filmsequenzen aus dem Klassiker Louis Lumière (Eric Rohmer, 1968). Die Fotografien resultieren aus einem Verfahren, in dem der Künstler den Film von in den Projektionsraum einfallendem Sonnenlicht partiell überblenden lies und diese zum Teil überstrahlten Bilder dann abfotografierte. Im Ausstellungsraum evoziert der Künstler durch das stündliche Wechseln einer auf einem Board präsentierten Fotografie einen stark verlangsamten Prozess des Filmsehens.

Die Objekte und Installationen von Diango Hernández (geb. 1970 in Sancti Spiritus, Kuba, lebt in Düsseldorf) stehen in engem Bezug zur politischen Lage seines Heimatlandes und der gescheiterten kollektiven Utopie des Kommunismus. In Münster zeigt Hernández eine Installation mit Zeichnungen kubanischer Künstler, die von der staatkonformen Illustration im Sinne des sozialistischen Kunstdiktates wechselten zur Darstellung futuristischer, scheinbar immaterieller Sehnsuchtsorte. Die gerahmten kuriosen „Fundstücke“ schweben im Ausstellungsraum über Sockeln und Objekten des Künstlers.

Kiron Khosla (geb. 1967, Kalkutta, Indien, lebt in Köln) hat indische und irische Wurzeln. Er studierte an der Central St. Martin´s School of Art and Design in London, lebte jahrelang in Malaysia und arbeitet heute in Köln. Seine gemalten Collagen, die oftmals weder einen Bildraum entstehen lassen noch eine Hauptansicht aufweisen, sind aus verschiedenen kulturellen Codes und Zitaten zusammengesetzt und erinnern entfernt an die süßliche Bildwelt indischer Illustration. Tatsächlich sind die Motive amerikanischen und europäischen Medien ebenso wie fernöstlicher und westlicher Kunst- bzw. Kulturgeschichte entlehnt, etwa japanische Landschaftsmalerei und Textilgestaltung – eine Gemengelage internationaler Bildproduktion, durchmischt von Karikaturen, Selbstporträts und Porträts aus dem unmittelbaren Umfeld des Künstlers.

Die multimedialen Großinstallationen von Suchan Kinoshita (geb. 1962 in Tokyo, Japan, lebt in Maastricht und Münster) vereinen architektonische Interventionen mit gefundenen Objekten und Skulpturen, Videos von Performances, Lichtspielen sowie Sound und Sprache. In der Auseinandersetzung mit Musik, Theater und bildender Kunst entsteht eine Art Parallelwelt poetischer Bilder, fern ab physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Schnittmenge der mitunter heterogenen Materialzusammenstellungen sind dabei ein dem Minimalismus verhafteter Ansatz, einhergehend mit dem kontemplativen Charakter offengelegter Prozesse. Nach ihrem Studium an der Musikhochschule in Köln schrieb sich Kinoshita an der Jan van Eyck Akademie ein und lehrt heute an der Kunstakademie Münster.

Nach seinem Kunststudium in Kalifornien gilt Glen Rubsamens (geb. 1959 in Los Angeles, lebt in Düsseldorf) Interesse der Kulturgeschichte der Natur mit ihren zivilisatorischen Überformungen im Sinne einer sog. „post-natur“. In seiner für die Ausstellung localhost enwickelten Videoarbeit untersucht der Künstler ein solches Phänomen im Staatsforst Burgholz im Bergischen Land. Im einzigen Arboretum für forstwissenschaftliche Studien in Deutschland werden hier Baumsorten aus allen Teilen der Erde kultiviert, unter anderem Gelb-Kiefern aus der kalifornischen Region.

Lorenzo Pompa (geb. 1962 in Krefeld, lebt in Düsseldorf) wurde als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters geboren. Er wuchs in Rom auf, wo er Innenarchitektur und Design studierte. 1992 zog er zurück nach Deutschland und studierte von 1997 bis 2003 an der Kunstakademie in Düsseldorf. Seine zumeist aus Gips gefertigten Arbeiten verhandeln klassische bildhauerische Fragestellungen: Amorphe und geometrische Formen, geschlossene und offene Strukturen, Schwere und Leichtigkeit, Figürliches und Abstraktes bilden spannungsvolle Gegensatzpaare seiner Skulpturen.

Kurator*innen: Dr. Gail B. Kirkpatrick, Marcus Lütkemeyer

Das Programm der AZKM wird vom Freundeskreis der AZKM unterstützt.