01/11/2008 – 11/01/2009,

Video Performance: Modelle der Selbstbetrachtung

Video Performance – das ist mehr als das filmische Dokument einer performativen Handlung. Surreale Labore, Wunderkammern oder schlichte Atelierräume, einfache Versuchsanordnungen oder komplexe und poetische Geschichten – die neueren Video-Performance-Drehbücher sind für das Auge der Kamera geschrieben: Sie sind hochprofessionell und technisch ausgefeilt und grenzen sich gegen die grob-pixelige YouTube-Ästhetik ab. Die Präsentation in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster lenkt die Aufmerksamkeit auf mediale Experimente und künstlerische Aktionen, die einer ganz spezifischen Produktionsweise folgen und daraus eine eigenständige Ästhetik ableiten. Die Ausstellung Video Performance: Modelle der Selbstbetrachtung nimmt eine starke Fokussierung auf die Modellhaftigkeit des Genres vor und präsentiert in einer eigens dafür konstruierten Ausstellungsarchitektur selten gezeigte historische Videos neben jüngsten Positionen der Videokunst, darunter Werke von Marina Abramovic (geb. 1946), Marc Aschenbrenner (geb. 1971), Andrew Cooke, Harry Dodge (geb. 1966), Patricija Gilyte (geb. 1972), Freya Hattenberger (geb. 1978), Sanja Ivekovic (geb. 1949), Nadja Verena Marcin, Bjørn Melhus (geb. 1966), Bruce Nauman (geb. 1941), Stefanie Ohler (geb. 1981), L.A. Raeven (geb. 1971), Johanna Reich (geb. 1977), Ene-Liis Semper (geb. 1969), Michael Smith (geb. 1951), Jaan Toomik (geb. 1961), Mariana Vassileva (geb. 1964), Klaus vom Bruch (geb. 1952), Richard T. Walker (geb. 1977) und Paul Wiersbinski (geb. 1983). Sie ist eine Kooperation der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst Münster mit dem Gastkurator Georg Elben, Leiter der Videonale Bonn. Das Ausstellungsprojekt wird parallel im Nationalmuseum in Posen als Teil der Mediations Biennale in Poznan/Polen gezeigt.

Versuch einer Definition

Der Versuch die Video-Performance zu definieren, ist auch ein Versuch, Gemeinsamkeiten der frühen und der zeitgenössischen Positionen herauszuarbeiten. Eine Gemeinsamkeit ist das Vollziehen einer Handlung oder das Inszenieren einer Geschichte vor laufender Kamera durch die Künstler*innen selbst oder einer Gruppe von Akteur*innen. Die körperliche Präsenz ist dabei eng verbunden dem psychologisch-emotionalen Zustand und zugleich auch immer Dialog mit der Kamera. Der technische Versuchsaufbau beeinflusst die Umsetzung also immer schon mit, als unablösbare Determinante. Entscheidend dabei ist das Moment der phänomenologischen Erkundung, das Aufspüren der Identität im Akt des manchmal auch extremen körperlichen Erlebens, in konkreter Erfahrung von Raum und Zeit. Im Gegensatz zur dokumentarischen Erfassung einer Performance ist die "Video Performance" für das Auge der Kamera gemacht. Das Genre Video-Performance schafft damit Dokumente medialer Authentizität, exhibitionistischer Einsamkeit und ironischer Intimität, die sich, historisch betrachtet, zu einer Art „Archiv der Basis-Erfahrungen" zusammenfassen lassen. Diese Basis-Erfahrungen können erotisch, sportlich, spielerisch, aber auch politisch sein, wie die beiden Video Performances Go For it, Mike (1984) von Mike Smith als historische Position und Paul Wiersbinskis Mystic Powers Help The World Reveal The True Artist (2007), als zeitgenössische Position zeigen – und damit das politische Reflexionsvermögen des Genres herausstellen.

In den Betrachter*innen erzeugt das Video einen ambivalenten Eindruck. Das Gefühl des Vergänglichen verbindet sich mit der Erfahrung der Zeitlosigkeit. So wird bspw. der Endlosloop in der Präsentation zu einem Mittel der Bedeutungssteigerung. Die Betrachter*innen werden bis zur Schmerzgrenze mitgenommen und sehen sich der Basiserfahrung der Künstler*innen ausgesetzt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Marina Abramovics Video-Performance Art must be beautiful … Artist must be beautiful (1975), Bruce Naumans Flesh to White to Black to Flesh (1968), Jaan Toomiks Father and Son (1998) oder als zeitgenössische Position die Sirene (2007) von Freya Hattenberger. Im Gegensatz zur direkten Wirklichkeitserfahrung des Formats Fernsehen konfrontiert die Video-Performance die Betrachter*innen unmittelbar und essentiell mit Fragen der persönlichen Identität, die die Künstler*innen stellvertretend vollziehen.

Der historische Überblick der Ausstellung zeigt, wie sich das stets aktuelle Thema der menschlichen Identität trotz festgelegter künstlerischer Versuchsanordnung und festgelegter Perspektive stets neu formiert und in seiner Unerschöpflichkeit als künstlerisches Genre neu erfindet. Insbesondere die Ästhetik der Live-Performance, verbunden mit der phänomenologischen Fragestellung minimalistischer Ästhetik und mit ihren technischen Möglichkeiten unmittelbarer Bildproduktion macht die Kamera zu einem medialen Format, das den Körper der Künstler*innen in den Mittelpunkt stellt. Die Begrenzung des Kameraobjektivs ist damit gewissermaßen der Rahmen, der den Bildausschnitt vorgibt und der an eine Annäherung an das Künstler*innenselbstbildnis denken lässt.

Die Ausstellung bietet auch eine Auseinandersetzung mit dem performativen Aspekt der Geschichte des Mediums Video. Die frühen experimentellen Videos von Bruce Naumann gelten als kunsthistorisch wichtige Beiträge zur Entwicklung einer Ästhetik, die die phänomenologischen Erfahrungen des menschlichen Körpers in Raum und Zeit thematisiert. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die Verbindung der gezeigten Video Performance von Bruce Naumann mit der 2007 im Rahmen der skulptur projekte münster realisierten (bereits 1977 entworfenen) Skulptur Square Depression im Naturwissenschaftlichen Zentrum der Universität Münster. Bruce Nauman vollzieht in der gezeigten Video-Performance Flesh to White to Black to Flesh körperliche Basis-Erfahrungen, die er filmisch festhält und so für die Betrachter*innen zugänglich macht. In der begehbaren Skulptur in der Wilhelm-Klemm-Straße in Münster eröffnet Bruce Naumann den Betrachter*innen nun einen realen Raum, den sie selbst betreten müssen, um Zugang zur phänomenologischen Basiserfahrung zu erlangen.

Kurator*innen: Georg Elben, Dr. Gail Kirkpatrick

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.