07/11/2015 – 28/02/2016,

Nic Hess

Nic Hess konfisziert die Motive seiner großformatigen Zeichnungen aus dem verlockend bunten Vokabular zeitgenössischer Bildwelten von Werbung, Konsum und Tourismus, aber auch aus moderner Architektur und den allseits vertrauten Ikonen jüngerer Kunstgeschichte. Collageartig gesampelt und nahezu intarsienhaft geschichtet verliert das Allgemeingut vornehmlich westlicher Kultur seine individuelle formale wie inhaltliche Wertigkeit. In zum Teil extremer Vergrößerung und einer Installation vergleichbar, überschreiben die Zeichnungen ihre Umgebung und verunsichern damit die räumliche Orientierung, auch wenn sie ortsspezifisch angelegt sind.

In Entsprechung zu den verwendeten Arbeitsmitteln, handelsübliche bunte Klebebänder und bedruckte Folien, tauchen die Zeichnungen nicht zu tieferen Sinnschichten hinunter. Ob aus der Entfernung betrachtet oder in Nahsicht – die ebenso aufgeblasenen wie kleinteiligen Darstellungen bleiben faszinierend flüchtig und sind den smarten Oberflächen sowie den daran haftenden nervösen Sehgewohnheiten unserer Gegenwart verwandt. Zwischen präziser Setzung und lockerem Wurf, zwischen wuchernder Ausdehnung und waghalsiger Verkürzung wird die Aufmerksamkeit neben aller freigesetzten Assoziationslust auch auf die formalen Eigenschaften der Arbeiten von Nic Hess und die kurze Dauer ihrer Präsenz im Raum gelenkt. Statisch in der Vereinzelung und fließend in den Übergängen befragen sie die ästhetische Qualität des Provisorischen und laden zu einer spannungsvollen Reise bildgesteuerter Wahrnehmung ein, die mit der Bewegung im Raum beginnt.

In der Kunsthalle Münster hat Nic Hess eine über Wand- und Bodenflächen mäandernde Rauminstallation aus einer Gemengelage neuer und bestehender Arbeiten erstellt. Der Stoff aus dem die Träume waren betitelt ein begehbares Panorama aus erstmals überwiegend schwarz-weißen Darstellungen. Es sind Versatzstücke aus nahezu 20 verschiedenen Themenfeldern, aus der Automobil-, Reise- und Kulturindustrie, auf großen Druckfilmen im veralteten Offsetfilm-Verfahren produziert. Hinzu kommen deckenhohe Plots – tapetenähnliche, selbstklebende Ausdrucke, deren Muster eine Camouflage bilden aus stark vergrößerten Motiven, dem Archiv des Künstlers und dem Internet entnommen. Auch wenn schwarzes Klebeband einzelne Bereiche zu konturieren versucht oder ein Folienfeld auf der gesamten Stirnwand der Kunsthalle mit der Darstellung eines Jungen, der aus einer improvisierten Zeltbehausung hinter Gittern in den Kunsthallenraum hineinschaut, ein mögliches Zentrum in diesem visuell überbordenden All-over markiert, widersetzen sich die Einzelbilder in der Verschiedenheit ihrer inhaltlichen Bezüge, Entstehungskontexte oder Materialgruppen einer einheitlichen Erzählung. Es bleibt ein rotierendes Kaleidoskop affektiver Bilder. Spezifische Botschaften sucht man jedoch vergebens, wenngleich einige Motive augenscheinlich durchaus an der gratigen Bruchkante zu tagespolitischem Geschehen siedeln, denn zahlreich scheinen Darstellungen auf und durch, die im Kontext der aktuellen Flüchtlingsthematik gedeutet werden könnten. In ihrer plakativen Anbringung oder absurden Einbettung in gänzlich anders belegte Bildzusammenhänge aber lassen die Bilder von Nic Hess nicht über die möglichen politischen Botschaften einzelner Darstellungen mutmaßen, sondern über die sozial wie kulturell geprägten Bedingungen des je eigenen Wahrnehmens und das damit verbundene Begehren nachdenken.

Solche Reflexionsprozesse werden verstärkt durch die zahlreichen Wiederholungen, die irritierenden Lücken und Brüche, die sich in der Arbeit für die Ausstellung in Münster erstmalig auftun. Erinnern sie doch an die unverbundenen, oftmals verstörend vertrauten und letztlich rätselhaften Bildsequenzen einer Traumwelt: Weltkonglomerate aus Realem, Eingebildetem, Vorgestelltem und Ersehntem, die im Traumzustand losgelöst von solchen Kategorien wie Wahr oder Falsch um unser ureigenes, aber nie benenn- oder greifbares Begehren kreisen. Und zielt im Wachzustand nicht gerade der uns umgebende Bildkosmos darauf, dieses an sich leere Begehren mit ganz konkreten Bildern aufzufüllen, die eine zuversichtliche Lebenswelt verheißen?

Nic Hess (geb. 1968, lebt in Zürich) Einzelausstellungen (Auswahl): Grosser Fahrplan für eine kleine Stadt, Grieder Contemporary, Zürich, CH (2015); highways and byways. together again, Daimler Contemporary, Berlin, DE (2014); Archivo teatral, Figge von Rosen Galerie, Berlin, DE (2014); The Birds (For Lilou), Swiss Institute, New York, US (2012); Automatic Crash Response, Armand Hammer Museum, Los Angeles, US (2009); Wall, Muri (mit Frederico Herrero), Fondazione Bevilacqua, Venedig, IT (2006). Gruppenausstellungen (Auswahl): Toys Redux – On Play and Critique, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, CH (2015); Pictures about Pictures, MUMOK – Museum Moderne Kunst, Wien, AT (2010).

Kurator*innen: Dr.Gail Kirkpatrick, Marcus Lütkemeyer

Die Ausstellung wird gefördert durch die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und die Kunststiftung NRW.

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.