01/11/2014 – 22/02/2015,

Mike Nelson: Studio apparatus for Kunsthalle Münster

Das Camden Arts Centre in London hatte Mike Nelson 1998 eingeladen, eine temporäre Ateliersituation anzufertigen. Mike Nelson verfügte damals wie heute über kein eigenes Studio. Dazu ist es für ihn eine abwegige Vorstellung, bei der Arbeit von neugierigen Ausstellungsbesucher*innen beobachtet zu werden. Um der Gemengelage aus institutionellem Auftrag und den damit verbundenen Erwartungshaltungen zu unterlaufen, parodierte Mike Nelson das an ihn gerichtete Anliegen und entwarf ein nomadisches Atelier als maßstabsgetreue Attrappe, gleich mehrmals und an mehreren Orten.

Für die Kunsthalle Münster hat Nelson eine neue Arbeit konzipiert. Studio apparatus for Kunsthalle Münster ist Teil eines seriellen Werkkomplexes, der Bedingungen wie Abläufe künstlerischer Produktion und die daran geknüpften Erwartungshaltungen reflektiert. Damit wurde Studio apparatus nun zum fünften Mal realisiert.

Der erste Studio apparatus im Camden Arts Centre war nur insoweit nutzbar, als dass man durch ihn hindurch gehen konnte. Den Schlüssel zur Arbeit lieferte ein unscheinbarer Notizzettel, der im Eingangsbereich an einer alten Pinnwand heftete. Tatsächlich handelte es sich um die Einleitung des Romans Die geheimnisvolle Insel (1875/76) von Jules Verne. Dessen Erzählung setzt zwar inhaltlich Die Kinder des Kapitän Grant (1867/68) und 20.000 Meilen unter dem Meer (1869/70) fort, seine Handlungsstränge aber greifen zeitlich unlogisch den beiden anderen Büchern vor und berichten von Ereignissen, deren Vergangenheit Zukunft ist.

Studio apparatus for Kunsthalle Münster geht dem Studio apparatus im Palais de Tokyo (2015) voraus, obwohl dieser einige Wochen früher fertiggestellt wurde. Beide liefern einen Raum im Raum. Während die begehbare Arbeit in Paris mit ihren kubisch geschlossenen, betonverschalten Wänden eher monumental wirkt und einem modernistischen Kapellenbau ähnelt, erscheint die umschreitbare, aus genormten Betonstahlmatten errichtete Variante in Münster wie eine provisorische Skulptur oder ein absurd käfighaftes Environment, eine scharfkantige, vibrierende Metallwolke mit der Silhouette einer Insel. Schiffartig in der Kunsthalle gelagert, versperrt die Konstruktion Blickachsen wie Wege und türmt sich auf zu einem deckenhohen Architekturgebirge voller Gehäuse, Nischen und Fächer. Weder ist ein Künstler anwesend, noch wird ein Kunstwerk gezeigt. Vielmehr ist die Momentaufnahme einer möglichen Arbeitssituation illustriert, die sich gewissermaßen selbst exponiert, in der ungeklärten Dimension zwischen Gedankengebäude und dessen handwerklicher Umsetzung.

Mike Nelson ist international bekannt für seine aufwändigen Installationen und Skulpturen. Eingriffe, Freilegungen und Hinzufügungen aus Fundstücken und alltäglichen Materialen verwandeln die Ausstellungsräume in rätselhafte, menschenleere Orte. Verborgenes, Verschüttetes oder parallel Existierendes wird hier ebenso verlebendigt, wie es verunsichern mag oder sich gar sprichwörtlich in den Weg stellt. Denn häufig erfordern die Arbeiten mehr als nur ein staunendes Sehen. Als raumgreifende Wucherungen müssen sie physisch erlebt werden.

Fantastisches und Faktisches liegen hier eng beieinander. Dazu zählen die unterschiedlichen Betonköpfe. Schwarmartig in großer Menge finden sie sich wie Relikte eines Bildersturms am Boden, an den Wänden und in den Etagen. Über ihre Funktion und Bedeutung lässt sich nur spekulieren. Ihre Herkunft dagegen wird nicht verheimlicht. Unschwer wären sie identifizierbar als Maskenabgüsse von Horrorfiguren, Literaten oder Politstars. Solche rationalen Unterscheidungen zwischen echt und unecht, wahr und falsch sind im Studio apparatus jedoch überlagert von der Faszination für die vielfältigen und irreführenden Anordnungen der Wirklichkeitsebenen und den damit verbundenen Erfahrungen.

In den fließenden Grenzverschiebungen zwischen Realität und Fiktion sowie in ihrer Op-art ähnlichen Wirkung zwischen Illusion und Halluzination befragt die Arbeit in Münster aber nicht nur die Kapazitäten und Mängel menschlicher Wahrnehmung. Die Autorität der Bilder selbst, im Sinne künstlerischer Urheberschaft, scheint hier in Zweifel gezogen: Legt ein Künstler im Moment der Herstellung eines Bildes, dessen Bedeutung unabänderlich fest und gilt es, diese von nun an im Bild zu suchen? Oder wird die Bedeutung immer wieder neu geschrieben, in Prozessen individueller Auseinandersetzung und im Verhältnis zu den eigenen Erfahrungen wie Wünschen? Als Teil eines seriellen Werkkomplexes beruht Studio apparatus auf dem Prinzip der Wiederholung. Wiederholung bedeutet immer auch Rückkehr / Rückbesinnung und fordert damit von den Besucher*innen der Kunsthalle die gedankliche Rekonstruktion des vom Künstler in der Vergangenheit für zukünftige Betrachtung Angelegten. Folglich liegt die Spur zum verlorenen Kunstwerk im Studio apparatus nicht vordergründig im unzulänglichen, zumal trügerischen Sehen, sondern im Erinnern eines noch nicht verwirklichten Zustandes, der in der Zukunft vergangen sein wird.

Mike Nelson (geb. 1967 in Loughborough, lebt in London) vertrat Großbritannien auf der 54. Biennale von Venedig 2011. Zweimal war er Shortlist-Künstler des Turner Prize (2001, 2007). Studio apparatus for Kunsthalle Münster ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Mike Nelson in Deutschland. Mike Nelson wird vertreten von 303 Gallery, New York; Galleria Franco Noero, Turin; Matt's Gallery, London; und neugerriemschneider, Berlin.

Kurator*innen: Dr. Gail B. Kirkpatrick, Marcus Lütkemeyer

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.