19/11/2005 – 08/01/2006,

Markus Schinwald. Korridor der Unsicherheiten

Markus Schinwald entwirft eine ungewöhnliche Fallstudie des Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts. Der in Salzburg geborene bildende Künstler hat für die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster eine auf die Architektur bezogene Installation konzipiert. Wenn sich die Türen des Aufzugs öffnen, nimmt eine sonderbare Ansammlung von Bewegungsfolgen ihren Lauf. Eine geheimnisvolle Zeitreise zu den Kronen einer digital bearbeiteten romantischen Waldlandschaft scheint unbemerkt stattgefunden zu haben. Etwas Unheimliches, erotisch Angehauchtes macht sich breit und seine Kraft hat uns längst berührt.

Hörbare poetische Versatzstücke aus dem Video 1st Part Conditional locken die Besucherinnen hinter die Fassade des gerasterten Landschaftspanoramas. Der verwinkelte über 100 Quadratmeter große L-förmige Korridor verspricht, die magische Beziehungswelt fortzusetzen. Doch zuvor müssen die Besucherinnen die Eingangspforten überwinden. Hat man sich einmal auf die Bedingungen des Schinwaldschen Korridors eingelassen, beginnt der heitere Tanz gegen die eigene Instabilität, denn das Innere der Wahrnehmungsschleuse ist weich. Das Laufen auf dem dicken Schaumstoffboden irritiert das Gleichgewicht der Besucher*in. Doch diese Irritation ist nicht unangenehm, sie macht Lust auf tieferes Einsinken und bewirkt ein Gefühl von Leichtigkeit.

Das Video 1st Part Conditional zeigt den sonderbaren Tanz einer androgynen Frau. Mit kurzem Haarschnitt, bekleidet mit einem grauen Anzug, inmitten einer düsteren, unbelebten Wohnung entfaltet sich unter der Beobachtung eines Voyeurs ihr Tanz: Eine fremde Macht treibt sie zum Kollaps. Ihr spastisches Zucken, der Verlust des Gleichgewichts und ihr Zusammenbruch sind rätselhaft und wirken gleichermaßen selbst- und fremdgesteuert. Auch die Funktion des Voyeurs ist ambivalent: Bewirkt er die abstrusen Bewegungen der Frau oder wirkt sie auf ihn ein? Denn äußerliche Unbeweglichkeit verbunden mit starker emotionaler Bewegung führen auch bei ihm zu einer Überreaktion: einer seltsamen Traurigkeit seines Körpers. Die Quellen von Lust und Leid bleiben rätselhaft und unverbunden.

Die Schaukel als spielerisches und zugleich fixierendes „Bewegungsmittel" zieht sich wie ein Leitmotiv durch Schinwalds Kunst. Hier verbinden sich die Themen Lust, Labilität und verhinderte Fortbewegung. Eine mechanisch schaukelnde weibliche Marionette gibt den Takt vor. Als Pendant dazu installiert Schinwald einen überlebensgroßen Voyeur, der auf einer der anderen Schaukeln steht und wie die „Marionetten" mechanisch hin- und herbewegt wird. Die Welt der pathetisch-schrägen, seelenlosen Wesen scheint abgesichert zu sein, sie müssen nicht um ihr körperliches Gleichgewicht bangen, denn der Künstler hat sie auf den Schaukeln fixiert. Anders die Besucher*innen, für die eine freie Schaukel bereit hängt: Sie könnten zu Recht fürchten, dass die blutleeren Wesen plötzlich zum Leben erweckt werden und sich ihr undurchschaubares Regiment erneut in Bewegung setzt.

Im Inneren des Korridors ist eine Porträtgalerie installiert, deren gerahmte Objekte hinter den Nischen teilweise verschwinden. Die auf Anweisung des Künstlers manipulierten, handwerklich solide gearbeiteten Porträtstücke früherer Epochen berichten von rätselhaften Mutationen und verfremdeten Gesichtern einer durch seltsame Requisiten verbundenen Ahnenreihe. Mit der Gesichtshaut verschweißtes, maskenhaftes Verbandmaterial verweist auf künftige oder längst vergessene Krankheitsbilder und ihre inhumanen Therapieformen. Fremdartige Schmuck- und Kleidungsstücke beflügeln die Phantasie der Betrachter*innen auf der Suche nach neuartigen, möglicherweise erotischen Versatzstücken einer vergangenen Kultur mit ihren vergessenen Gelüsten und Leidenschaften.

Der Titel If – für den Fall dass, … verweist auf die experimentelle Versuchsanordnung dieser Phänomenologie eingeengter Körperlichkeit und ihren Strategien der Befreiung. Schinwald spielt mit der Urangst, es könnte im Schein des Gewöhnlichen und Belanglosen eine ungeahnte, unheimliche Gefahr lauern, die jederzeit hervorbrechen kann. In solchen Momenten kommt seine kenntnisreiche Auseinandersetzung mit den Schriften des Psychoanalytikers Siegmund Freud zum Ausdruck. Schinwald nimmt freudianisches Gedankengut über Leib und Seele, Ängste und Lüste, Triebe und Hemmungen auf und deutet sie im Kontext unserer Zeit. Die Kultur und geistige Tradition seiner Wahlheimatstadt Wien zieht sich dabei wie ein weiteres Leitmotiv durch seine Kunst und prägt ihre eigentümliche Atmosphäre und Inhaltlichkeit.

Sowohl Schinwalds Ahnengalerie wie sein dreiminütiges Video 1st Part Conditional können als Fallstudie einer allgegenwärtigen Symbiose zwischen Körper und Geist verstanden werden. Sein spezielles Interesse gilt den zwischenmenschlichen Beziehungen, ihrer Determination und Freiräumen. Immer wieder zeigt sich der Körper als Objekt der Begierde, ausgeliefert in einem Spiel, getrieben durch Lust und Leid, aber nie ohne Augenzwinkern, Leichtigkeit und Spaß an der Ambivalenz des Abwegigen. Stets ist der Körper das Medium, das die Sichtbarkeiten schafft. Die Leidenschaft wie alle anderen seelischen Bewegungen erhalten bei Schinwald immer eine körperliche Präsenz, die gleichzeitig intersubjektiv ist, weil der Leib dasjenige Objekt der Bewegung ist, das uns aus der Selbst- wie aus der Fremderfahrung gleichermaßen gegenwärtig ist.

Die vieldeutigen Bewegungsstudien in der Arbeit Markus Schinwalds zeigen die Ambivalenzen unserer Gesellschaft, die sich selbst doppeldeutiger Anspielungen bedient und sich oft in ihnen erschöpft. Trotz vordergründiger Beschleunigung, könnten wir auch auf dem Weg sein, uns zu verlangsamen. Die Energieverluste sind ein Indiz dafür. Sie werden insbesondere an dem Missverhältnis von Sensualität und Kommunikation greifbar. Unverständliche Textfragmente mit konditionalem Gestus unterstützen den Eindruck, dass die Figuren Zeichen austauschen, die möglicherweise gar nicht zum gegenseitigen Verständnis führen sollen. Der Solipsismus der Akteure führt seinerseits zu einer Verstärkung der inneren Unruhe, die das Gleichgewicht von Körper und Geist irritieren. Die Bewegungen werden zu Signaturen extremer psychischer Anspannung, die nur noch verständlich sind in einem Koordinatensystem erotischer Bezüge. Der Körper der Tänzerin, wie auch das viktorianische Interieur hält der Wucht der Emotionen nicht stand: Beide versinken in der Spirale der Zeit, um im Leben einer Doppelgängerin eine neue Existenz zu erhalten. Die erotische Sprache der verbundenen Körper hinterlässt magische Zeichen von Ambivalenz und Freiheit: Das Glück liegt im Gleichgewicht von Irritation und Stabilität, Lust, Leid und Leidenschaft.

Markus Schinwald (geb. 1973 in Salzburg, lebt in Wien) hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen: Tableau Twain (Frankfurter Kunstverein in Kooperation mit dem Siemens Arts Program, 2004, Einzelausstellung), Manifesta 5 (San Sebastian, 2004), Bewitched, Bothered and Bewildered (migros museum für gegenwartskunst, Zürich, 2003), Utopia Station (50. Biennale Venedig, 2003), Adorno: Die Möglichkeit des Unmöglichen (Frankfurter Kunstverein, 2001), Untragbar – Mode als Skulptur (Museum für angewandte Kunst, Köln, 2001), Expanded Design (Kunstverein Salzburg, 1999).

Kuratorin: Dr. Gail B. Kirkpatrick

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.