08/06/2013 – 08/09/2013,

Jürgen Stollhans

„Man braucht nicht denken, daß man hier den Kapitalismus aufhalten kann."

Auf den ersten Blick erscheint die Ausstellungshalle entleert. Die Besucher*innen empfängt ein gesprengtes Gefüge aus rechtwinklig zueinander stehenden Wandsegmenten, die einen großzügigen Raum öffnen und gleichsam die dahinterliegenden Bereiche monolithisch abgrenzen. Eine wie zufällig arrangierte Sitzgruppe markiert einen einladenden Wartebereich, flankiert von einer lichtgrauen Stellwand, die ein spiegelnder Tubus durchbricht: eine technische Trophäe, ein abstrakter Fetisch, eine absurde Uhr oder...? Wer hier Platz nimmt, kann darüber nachdenken oder in der Flucht eine architektonisch spannungsvolle Gliederung verspringender Wandflächen erkennen oder aber auch "nur" sich erstaunt fragen: Wo ist die Ausstellung?

Tatsächlich sitzt man dann bereits mitten drin – gewissenmaßen auf der Bühne ihrer selbst. Denn bei genauer Betrachtung erweist sich der Raum als eine Collage aus formalen Entscheidungen, disparaten Sinnebenen und bildhaften Objekten, die von den Besucher*innen dynamisiert und in immer neue Zusammenhänge wie Bezüge gebracht werden wollen. So handelt es sich bei den anscheinend planvoll eingerichteten mobilen Architekturelementen um die übriggebliebene Raumdramaturgie zweier vorangegangener Ausstellungen, von denen sich zudem noch zahlreiche Spuren auf dem Hallenboden und den Wänden finden lassen. Allein durch die Bewegung im Raum zeigt sich, dass die unerwartete Leere der Vorderseite mit einer visuell aufgeladenen Rückseite überrascht. Mit dem Verlassen des „Wartebereichs" öffnet sich auf der hinteren Längsseite eine Passage, deren gemauerte Wandfläche ein Fries aus 26 (+3) fast quadratischen Holztafeln einnimmt. Unabhängig ob die Darstellungen, zum Teil kombiniert mit schlagzeilenartigen Textsplittern, nun aus der Recherche in Münster resultieren oder den permanent wachsenden Archiven des Künstlers entlehnt sind, sie bleiben beides: tatsächlich und imaginiert. Und dass sie dabei latent vertraut erscheinen, mag nicht zuletzt an ihren Motiven liegen, denen im Spannungsfeld von Schlüsselbegriff und Beobachtung solche gesellschaftlichen Komplexe und Phänomene zu Grunde liegen, die den Alltag immer mehr bestimmen, als dass ihnen entsprechend Aufmerksamkeit entgegengebracht würde, wie Politik, Energie, Ökonomie etc.

Jürgen Stollhans denkt in verzweigten Analogien. Seine Bildwelten sind unterschwellig, disproportional und neustrukturierend. Es gelingt ihm, die Dinge und Sachverhalte in ungeahnte Bezüge zueinander zu setzen. Auch wenn vieles dadurch rätselhaft erscheint, wird nichts verheimlicht. So darf immer auch nur beschrieben werden, was sichtbar ist: ein Kinderküchenherd auf einem Müllberg, eine ausgebesserte Kofferraumhaube auf Böcken, dahin geworfene Holzlatten oder zerbeulte Tankwagen, die an Cola-Dosen erinnern... ein Realismus, dessen Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit sich allein darin einstellt, wie sehr die uns umgebenden und beherrschenden Systeme zum unhinterfragten Standard, zur repräsentationalen Alltagsgewohnheit geworden sind.

In diesem Zusammenhang scheint der Begriff „Kritische Masse“ hinreichend relevant. Ursprünglich in der Kernphysik angesiedelt, bezeichnet er diejenige Mindestmasse eines aus einem spaltbaren Nuklid bestehenden Objektes, ab der die effektive Neutronenproduktion eine Kettenreaktion der Kernspaltung aufrechterhalten kann. Als Sprachbild ist die Formel vom „kleinsten Faktor“ zum Erreichen einer gewünschten (oder aber auch unkontrollierbaren) Reaktion in ganz verschiedene gesellschaftliche Felder entliehen worden. Noch allgemeiner könnte man behaupten: ‚Kritische Masse‘ findet sich überall dort, wo „Energie" im Unruhe-Zustand ist. In der Ausstellung erzeugt diese Energie einen abstrakten künstlerischen Kosmos, dessen Bildvokabular Jürgen Stollhans bereits 2007 in einem Film animiert hat. Der Film überträgt das Erstaunen des Künstlers unmittelbar auf die Betrachter*innen und hinterlässt im Kopf ein Kaleidoskop aus Eindrücken, in dem der Regress von Bildern, Motiven und Themen einen nahezu psychedelischen Rhythmus erzeugt, verstärkt durch zitierte wie selbstkomponierte Tonschleifen, die vielfältig manipuliert in der gesamten Ausstellung nachhallen.

Jürgen Stollhans dringt ein in herrschende Systeme, analysiert sie und stellt ihnen ganz eigene Systeme gegenüber. Diese finden statt in Bildern und sind nur sichtbar, weshalb sie tatsächlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht zwangsläufig gehorchen müssen. Kleinster gemeinsamer Faktor ist das künstlerische Verfahren ihrer Herstellung: Über alle überraschende Motivik und vordergründige Erkennbarkeit hinaus verlieren sich darstellerische Eindeutigkeiten in der Faszination für ein sinnlich berührendes Potenzial der Strichführungen, nur aus spröder Kreide additiv erstellt. Damit liefern die Arbeiten von Jürgen Stollhans immer auch einen sinnlichen Schlüssel zur Wissensgenerierung und zeugen letztlich von der ungebrochen optimistischen Hoffnung, den Glauben an die Gestaltungsfähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten künstlerischer Weltschöpfung bzw. Kreativität in die Begrenztheit der je eigenen Lebenswirklichkeit hinüberzuretten.

Jürgen Stollhans (geb. 1962 in Rheda, lebt in Köln) hat 2007 an der documenta 12 in Kassel teilgenommen. Einzelausstellungen: Städtische Galerie Nordhorn, Kunstfonds Kunstraum (Bonn), Bonner Kunstverein, Museum Ostwall (Dortmund), Galerie Otto Schweins (Köln), Galerie Luis Camapaña (Berlin) - Gruppenausstellungen: Busan Biennale 2012, Museum Ludwig (Köln), Kunstmuseum Mühlheim, MARTa Herford, Museum Abteiberg (Mönchengladbach), ZKM Karlsruhe, Kunstverein Salzburg, Musée des Beaux-Arts (Nantes), Kröller-Müller Museum (Otterlo), Wiener Secession, Museum voor moderne Kunst Arnhem, Miami Art Central. Seine Arbeiten finden sich u.a. in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik (Bonn), im Museum Ludwig (Köln) und im MARTa Herford.

Kurator*innen: Dr. Gail B. Kirkpatrick, Marcus Lütkemeyer

Die Ausstellung wird gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Projekts „Kritische Masse – ein Projekt zu Kunst und Energie im Münsterland“, der Kulturregion Münsterland sowie von der Kunststiftung NRW.

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.