07/02/2009 – 03/05/2009,

Jon Pylypchuk

Jon Pylypchuk (geb. 1972 Winnipeg in Kanada, lebt in Los Angeles) gründet 1996 zusammen mit Marcel Dzama und anderen Kollegen das inzwischen legendäre Künstlerkollektiv The Royal Art Lodge. Die AZKM zeigt 25 Gemälde, Zeichnungen, Collagen und plastische Arbeiten. Mit dieser ersten Ausstellung wird in Münster eine Position zeitgenössischer Kunst gezeigt, die das Wechselverhältnis von Humor und Ernsthaftigkeit in der medialen gesellschaftlichen Wirklichkeit untersucht. Mit dieser Werkschau eröffnet die AZKM die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers.

Pylypchuks Collagen bestehen aus vielfältigen Materialien, aus Stofffetzen alter Kleider, Federn, Papierstücken, aus Dingen, die funkeln, aus Stöcken, Zwirnfäden oder Haufen klebriger Substanzen. Mit feinen Strichzeichnungen skizziert, entsteht ein surreales Szenario. Strahlende, bisweilen geradezu atemberaubende und wunderschön komponierte Bilder zeigen öde Landschaften, die von einsamen gnomenhaften Figuren bevölkert werden. Der hybride Charakter erinnert oft an räudige, bärenhafte Hunde. Doch durch ihre ambivalenten Interaktionen und witzigen Sprüchen werden sie manchmal fast zu existentialistischen Philosoph*innen.

Die Ausstellung zeigt verstörend wirkende gesellschaftliche Szenarien von mitunter kuschligen Kreaturen, die sich zusammengetan haben, um sich als Gruppe zu behaupten. Das skurrile Wechselspiel von Kunstwerk, Sprache und Humor wirkt wie ein Sog und zieht die Betrachter*innen hinein in ein komplexes Wechselspiel von vielfältigen Strategien trotziger Selbstbehauptung. Die Werke von Pylypchuk sind trashig, niedlich, krass, liebenswert, ekelerregend, aufregend und bitter ernst. In seinen Zeichnungen, Collagen, Assemblagen und Installationen konfrontiert Pylypuk die oft ernüchternden, trostlosen, manchmal verstörenden Aspekte eines sonderbaren Alltags. Die Versammlungen verrückter Kreaturen, angesiedelt zwischen Tier und Mensch, wecken gleichermaßen Gefühle von tiefer Solidarität wie verständnisloser Abneigung. Seine Fantasiewelt drängt sich auf, jegliche Distanzierung aufhebend und stößt im nächsten Moment die Betrachter*innen ab, um den traurigen Bruch zu vollziehen. Dabei bedient sich der Künstler einer verschlagenen, teuflischen Ironie und verbindet sie mit einem mitunter gruseligen Humor. Die listige Verspieltheit hat zunächst einmal wenig mit emanzipatorischer Ernsthaftigkeit zu tun. Doch verblüffend aufrichtig und schier entwaffnend schildert Pylypchuk die Schwierigkeit des Menschseins in der unmittelbaren Konfrontation mit dem Alltag. Dem Alltag einer Vergesellschaftung in der Krise.

Neben der aufrechten, zweibeinigen Haltung der marionettenartigen Tiercharaktere fallen die vieldeutigen Details ihrer Kleidung auf, die mit Krawatten, Manschetten, Socken, Anzugknöpfen und T-Shirts und anderen Kurzwaren vor allem auf Herrenkonfektionen rekurrieren und sie gleichzeitig persiflieren. Doch die Betrachter*innen müssen sich nicht auf wilde Auftritte gefasst machen. Das sexuell aufgeladene Verhalten, das in den Szenarien aggressiv und zuweilen sensationslüstern ausagiert wird, verbleibt im Selbstzweck. Für Pylypchuk ist die Gewalt konzentriert auf den unbeholfenen Ausdruck, der sich in der Hoffnung manifestiert, als Mensch in Würde zu überleben, oder allgemeiner formuliert: im Streben nach Glück in einer instabilen Welt nicht zu verkommen. Pylypchuk bleibt dabei ein Geschichtenerzähler. Seine mit bitter-naiven Szenen berichten von glücklich-unglücklichen Hybriden, heroischen Verlierern, mutigen Machtlosen und einer Gesellschaft einsamer Kreaturen. Und dennoch sind die Mitglieder von Pylypchuks "Straßengang" als Individuen durchdrungen von dem Willen zu überleben. Sie schließen sich zusammen, um ihre Misere zu überwinden. Das Panorama einer Sondergesellschaft wird zum Sinnbild universeller Gefühle wie Ängstlichkeit, Zweifel, Liebe, Begierde, Zurückweisung und Schmerz. Doch letztlich sind sie es, die den Sarkasmus in der Authentizität zu übertrumpfen in der Lage sind.

Pylypchuks Kunst ist als radikale Haltung innerhalb der zeitgenössischen Zeichnung, Malerei und Installation zu positionieren. Seine Werke erinnern unter anderem an Mike Kelley, Paul McCarthy, Philip Guston und sogar an manche Arbeiten von Picasso, also an Künstler, für die „die unausweichliche Neigung des Körpers zur Sekretion eine Quelle von Lust, Leiden und Heiterkeit ist, und die Kunst machen, die animalisch und unordentlich ist und doch irgendwie leicht.“ Im Vergleich zu seinen Vorgängern rückt Pylypchuks Unordentlichkeit aber die gnadenlose interaktive Dynamik der Gesellschaft stärker in den Vordergrund: Seine Kunst spricht von sozialer Ungerechtigkeit, von Mobbing, Vorurteilen und Unterdrückung und trotzdem gelingt es Pylypchuks Arbeiten immer wieder, die Betrachter*innen zum Lachen zu bringen.

Kuratorin: Dr. Gail B. Kirkpatrick

Die Ausstellung wird gefördert von der Kunststiftung NRW.

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.