03/12/2004 – 30/01/2005,

Heute hier, morgen dort... – Eine modellhafte Befragung städtischer Identität in Münster

Was bedeutet es, in einer Stadt zu leben? Welche Faktoren sind es, die zu einem individuellen und offenen Prozess von Identitätsbildung führen? Gibt es andererseits hemmende Kollektivsymbole, die in einer Stadt zum verdeckten Widerstand gegen vorgegebene Zugehörigkeitsrituale führen? Das prozessual angelegte Ausstellungsprojekt Heute hier, morgen dort... – Eine modellhafte Befragung städtischer Identität in Münster geht diesen und weiterführenden Fragestellungen urbaner Identitätsbildung nach.

Kulturelle Großereignisse – wie die vergangene Kulturhauptstadtbewerbung in Münster, das Euro-City-Fest oder Kunstprojekte im öffentlichen Raum – verfestigen einen ungeprüften Umgang mit urbanen Gewohnheiten und Lebensklischees. Anders im Stadthafen: Mit der kulturellen Neuerschließung des Stadthafens ist ein Umdeutungsprozess urbaner Lebens- und Arbeitsformen in Gang gesetzt worden, der eine Revision der Kultur- und Lebensinhalte bewirken könnte. „Die neue Popularität des Stadthafens deutet darauf hin, dass es in Münster eine bisher unerfüllte Sehnsucht nach andersartigen Identifikationsmerkmalen gibt – jenseits des Wochen-, Weihnachts- und Prinzipalmarktes”, beschreibt die Leiterin der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster, Gail B. Kirkpatrick, die Atmosphäre, die von der rauen Urbanität der Hafenindustrie und den Speichergebäuden ausgeht. In der Regel beschäftigen sich Stadtplaner, Strukturförderer und Wirtschaftsvertreter mit der Analyse und Entwicklung der endogenen Faktoren, die einen Standort attraktiv machen. Innerhalb der Diskussionen über die Erfolg versprechenden Faktoren städtischen Strukturwandels wird der Kultur eine aufwertende und Standort qualifizierende Funktion zugesprochen. Allzu oft wird über Kultur, zu selten mit Kulturschaffenden selbst gesprochen. Anders in Münster: Das Ausstellungsprojekt heute hier, morgen dort... gibt erstmals zeitgenössischen bildende Künstler*innen ein produktives Forum, über Wahrnehmungsmuster urbaner Identität zu reflektieren.

16 bildende Künstlerinnen sind eingeladen, den widersprüchlichen Phänomenen städtischer Identitätsbildung nachzugehen und neue Vorstellungsräume, Denkbilder und Perspektiven zu entwerfen. Teilnehmende Künstlerinnen sind: Marc Bijl (Berlin/ Rotterdam), Katinka Bock (Berlin/ Paris), Susanne Brügger (Essen), Nine Budde (Berlin), Josef Dabernig (Wien), Helmut Dick (Amsterdam), Uwe Ehrngruber (Münster), Christine Erhard (Düsseldorf), Takafumi Hara (Berlin/ Tokio), Christian Hasucha (Berlin), Hendrik Krawen (Berlin), Alexandra Ranner (München), Gerold Tagwerker (Wien), Markus Willeke (Berlin), Alexander Wolff (Berlin) und René Zeh (Düsseldorf).

In dem prämierten Ausstellungskonzept vergleicht Marcus Lütkemeyer den alltäglichen Umgang mit dem System „Stadt" mit vertrauter Medienkompetenz: „Der städtische Raum wandelt sich zu einer Projektionsfläche, auf der zwischen unterschiedlichen, urban inszenierten Programmen gezappt werden kann. Mit steigender Medialität wächst die Kluft zwischen schönem Schein und vermeidlich Realem. Die Stadtzentren verwandeln sich zunehmend zu schnelllebigen und anwenderfreundlichen Benutzeroberflächen, die Bewohner*innen werden darin zu Usern.”, beschreibt Marcus Lütkemeyer die routinierte, aber eingeschränkte Alltagswahrnehmung des Stadtraums. Das Kunstprojekt Heute hier, morgen dort will diese Routine aufbrechen: Komplexe Identitäten, Projekte und Prozesse benötigen Erlebnisräume als offene utopische Möglichkeitsräume. Das System Kunst und das System Stadt könnten hierin vergleichbar sein: Städträume als hoch flexible Laboratorien von Möglichkeiten, in denen auch disparate kulturelle Bilder und Zeichen zu neuen sinnstiftenden Mustern zusammengeführt werden können, sind kommunikative Importstellen. Importiert werden Methoden und Konzepte, aber auch Ideen und Kontakte. Im Zuge der Immaterialisierung der Kunstwerke in Kommunikationsformen, wird das Auslösen von Handlungen – die Interaktion – zum künstlerischen wie identitätsstiftenden Anliegen. Die besondere Wirkung der Kunst liegt darin, Momente des Nicht-Identischen hervorzubringen. Ästhetische Erfahrung kann daher zum Virenprogramm der Alltagslogik werden.

Mit den insgesamt 16 Kunstprojekten im städtischen Innen- und Außenraum, in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster und im Förderverein Aktuelle Kunst an der innerstädtischen Peripherie sollen die Möglichkeiten individueller Einflussnahme auf die Entwicklungen städtischer Identität und ihrer Kommunikation überprüft werden. Im Gegensatz zu anderen Kunstprojekten im öffentlichen Raum sind keine kompromisslosen Umsetzungen künstlerischer Vorhaben angestrebt. Die Projektkonzeption sieht vielmehr Freiräume für ambivalente Prozesse, inhaltliche Konfrontationen, experimentelle und risikoreiche Positionen vor. Die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster versteht sich diesbezüglich als inhaltliches, aber auch partnerschaftliches Projektgelenk. In einer Art Laborsituation werden hier die Konzepte und Verfahren visualisiert und in öffentlichen Veranstaltungen zur Diskussion gestellt.

Kurator: Marcus Lütkemeyer

In Kooperation mit dem Förderverein Aktuelle Kunst Münster

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