02/10/2010 – 24/02/2011,

Does City/Münster matter? Zum Verhältnis von Bild und Stadt

Die Ausstellung Does City/Münster matter? Zum Verhältnis von Bild und Stadt in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster untersucht die Wechselbeziehung von Bild und Stadt, Kunst und städteplanerischer Vision. Die internationale Werkschau mit Gemälden, Filmen, Installationen und Skulpturen von Diana Al-Hadid, Koen van den Broek, Martin Kobe, Klaus Lutz, Lutz & Guggisberg, Paul Noble, Toby Paterson, Manfred Pernice, David Thorpe und Ina Weber ist Teil eines dreiteiligen Projektes, das als Ausstellung, Veranstaltungsreihe und Symposium konzipiert ist.

Does City/Münster matter? Spielt Kunst für die Stadt Münster eine Rolle? Welche Bilder sind prägend für die Stadt? Kunst arbeitet mit Bildern, Stadtplanung und Marketing ebenso. Urbane Konzepte folgen immer mehr auch ästhetischen Kriterien. Inwieweit die zeitgenössische Kunst befähigt ist, bestehende Bilder, Wertesysteme und Metaphern in urbanen Zusammenhängen zu analysieren und zu bewerten bzw. einen Diskurs über zukünftige Visionen anzuregen, wird sich im Verlauf des Projektes zeigen. Die Suche nach neuen Bildern und Visionen beginnt in der Ausstellung. Künstler*innen sind zwar in der Regel keine Expert*innen für Architektur und Städteplanung, aber sie sind von den sinnlichen Facetten einer Stadt, in der sie leben, arbeiten, sich bewegen, beeinflusst. Der subjektive Zugang der Künstler*innen, ihr bildnerischer Umgang mit dem Phänomen „Stadt" ist der visionäre Horizont, aus dem heraus sich die Denkräume und das Symposium entfalten.

Die Ausstellung Does City/Münster matter? setzt damit die ortsbezogenen Untersuchungen kultureller Phänomene in Münster aus der Perspektive zeitgenössischer Kunst in der AZKM fort, die 2004/05 mit heute hier, morgen dort… begann.

Die parallel zur Ausstellung konzipierte Veranstaltungsreihe Denkräume setzt sich assoziativ mit den Ideenwelten der Künstler*innen auseinander und eröffnet einen neuartigen Dialog zwischen Kunst und Entscheidungsträger*innen. Die Konzeption der Denkräume übernahmen Rethfeld und Rinke / Marcel Schumacher.

Diana Al-Hadid (geb. 1981, lebt in Brooklyn NY): In den Arbeiten von Diana Al-Hadid mutieren Versatzstücke der Mythologie und Folklore islamischer wie westlicher Welt zu bizarren, dreidimensionalen Erzählungen – skulpturale Gebilde, die, obgleich erstarrt, aus einem sich selbst motivierenden Wachstum zu entspringen scheinen, wobei Dekomposition ihr heimliches Konstruktionsprinzip ist. Denn mögen die komplexen Gefüge als labyrinthische Exoskelette morbide an einen vergangenen Organismus gemahnen, bleiben sie doch das ruinenhafte Sediment einer emblematischen Hybris, die allein auf hypothetischen Strukturen beruht.

Koen van den Broek (geb. 1983, lebt in Antwerpen): Nicht von ungefähr bestimmen Fotografien die Komposition der Gemälde von Koen van den Broek, dessen Malerei die sensiblen Mechanismen des Seh-Aktes und der Gestaltwerdung beobachtet. Während einzelne Partien suggestiv gegenständlich aufscheinen und durch frappierende Präzision bestechen mögen, zerfließen umgebende Areale in abstrakte, häufig monochrome Farbflächen. Im Fixierspiel von Figuration und Abstraktion, von Verlust und Gewinn wächst das Gefühl, in emotionale Reservate von metaphorischer Tragweite einzutauchen, die den Blick selbst ins Auge nehmen.

Martin Kobe (geb. 1973, lebt in Leipzig): Martin Kobes Gemälde eröffnen vordergründig figurative Welten, in denen architektonische Formen und utopische Raumkonstruktionen vergleichbar kristallinen Wucherungen waghalsig fluchten. Funktionale Zusammenhänge und eindeutige Gerichtetheiten in Raum oder Zeit sucht man aber vergebens. Stößt der Blick doch immer wieder auf spiegelnde, signalartig pulsierende, letztlich abstrakte Oberflächen, die jeglicher Illusion den Boden entziehen. Was bleibt, ist die sogartige Faszination für eine Implosion monolithischer, in sich gebrochener Farbgeometrie, die zu aller erst auf der virtuosen Handhabung malerischer Mittel beruht.

Klaus Lutz (geb. 1940, lebte in Manhattan, New York, verstorben 2009): Permanent unterwegs, ohne Pause beschäftigt ist der Protagonist der 16mm Filme von Klaus Lutz, deren Projektion einen geschlossenen künstlerischen Orbit 'erschafft'. In der subjektiven Dimensionierung von Raum und Zeit entsteht die Bühne für ein fesselnd akrobatisches Szenario wider physikalische Gesetzmäßigkeiten. Der Künstler ist Regisseur und Spielfigur einer rein analog erzeugten, wundersam collagierten Welt, die er sowohl erleidet als auch erobert und dabei den kostbaren Blick auf eine ästhetisch berührende Lebenswirklichkeit freigibt.

Lutz & Guggisberg (geb. 1968/1966, leben in Zürich): Auf den blinden Fleck zwischen dem Bedürfnis eigenmächtiger Lebensweltgestaltung und deren Limitierung auf eine Auswahl normierter Möglichkeiten, auf die Potenz des suspendierten Intellekts, stellen die entgrenzten Arbeiten von Lutz & Guggisberg scharf. Gattungsübergreifend entsteht ein sich selbst perpetuierender Kosmos, in dem sich hybride Bilder verdichten, die den Blick ausdehnen wie zuspitzen und dabei jede, noch so bildhaft sanktionierte Systemlogik, zu perforieren vermögen – vielleicht gerade deshalb, weil sie der Welt des Analogen so anrührend verpflichtet bleiben.

Toby Paterson (geb: 1974, lebt in Glasgow): Das Formenrepertoire des Nachkriegsmodernismus, die alltägliche Konfrontation mit dem High & Low eines dinghaft gewordenen, normativen Zeitgeistes motivieren Toby Paterson zu Arbeiten, die den abstrakten Wert der Versatzstücke solcher realen Verfügungsgüter befragen. Ohne Rücksicht auf Kontextbindung oder Materialgerechtigkeit generieren sie aus dem Junkfood zeitgenössischer Raumerschließung ein Vokabular, das sich mit dem Ort ihres Auftritts zu neuen Erzählungen verschränkt – getrieben von ernsthafter Faszination für einen überkommenen Gestaltungswillen und der humorvollen Skepsis gegenüber dessen Deutungshoheit.

Paul Noble (geb: 1963, lebt in London): Einer unheimlichen Obsession verdanken sich die Zeichnungen und Animationen von Paul Noble. Aus einer Perspektive, die an frühe Computerspiele erinnert, glaubt man sich altmeisterlicher Landschafts- und Architekturdarstellung gegenüber, die jedoch in Nahsicht in artifizielle Urbanitätsbehauptungen und mutwillige Flächenkonstruktion zerfallen. Narration bedingt sich erst aus der Distanz, die statt Erkenntnis Illusionen liefert. Der Preis für den Genuss des Details ist der Verlust des Ganzen als sinnhaftes Gefüge, das letztlich dem manierierten Umgang mit figurativen Fragmenten entspringt, die allein in der brillanten Farbpalette des Grau zusammenfinden.

Manfred Pernice (geb. 1963, lebt in Berlin): Das vertraute Formenvokabular einer erschreckend regulierten Öffentlichkeit, oberflächenlastiger Gestaltungswille und dessen Dekorblüten inspirieren Manfred Pernice. Unter Verwendung einfacher, auch disparater Materialien entstehen an Architektur oder urbanes Gliederungsinstrumentarium erinnernde, sonderbar 'unfertige' Gebilde mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad, zwischen peinlicher Intimität und überraschender Formgebung. Auch wenn die Arbeiten auf eine geringe Halbwertzeit spekulieren, markieren sie doch ein kulturoptimistisches Moment, insofern sie den Glauben an die Handlungspotentiale künstlerischer Weltschöpfung in die Begrenztheit je eigener Lebenswirklichkeit hinüberretten.

David Thorpe (geb. 1972, lebt in London und Berlin): Die phantastischen Bildwelten von David Thorpe werden bevölkert von vegetabil technoiden Chimären. Kippfiguren gleich sind sie für den Moment der Balance zwischen Fiktion und 'Realität' erstarrt und laden ein zu spannungsvollen Reisen, die letztlich in der Faszination für ihr formales Gemachtsein münden. So sehr etwa die Collagen an Malerei erinnern, sind sie tatsächlich in ihrer Materialität holprig, intarsienartig 'gepixelte' Patchworks – wobei der alchimistische Gestus ihrer analogen 'Herstellung', drastischer als es die Farbenmalerei könnte, die Welt als abstrakt kaleidoskopisches Muster und willfährige Elementmixtur vorstellt.

Ina Weber (geb. 1964, lebt in Berlin): Wollte man die Alltagswelt mit Mitteln der Mengenlehre berechnen, könnten die Arbeiten von Ina Weber als 'Spielsteine' einer solchen Versuchsanordnung verstanden werden. Komplexe architektonische Gefüge, aber auch soziale Gemengelagen werden in einfache Körper oder kulissenhafte Elemente transformiert, deren großzügige, gleichsam liebevolle Behandlung sich einer leidenschaftlichen Funktionslosigkeit verdankt. Maßstab verschoben, stilisiert wie typisiert sind die Arbeiten möbelartig handhabbar - um Ensembles zu erstellen, aber auch um vereinzelt ein Gegenüber mit ganz neuer, eigener Qualität zu bieten, das den Horizont eines allzu gravitätischen Zeitgeistes auf das abstrakte Maß des subjektiven Auges bricht.

Kurator*innen: Dr. Gail Kirkpatrick, Marcus Lütkemeyer

Rahmenprogramm: rethfeld und rinke, Marcel Schumacher

_Does City/Münster matter?_ basiert auf einer Idee des Gastkurators Marcus Lütkemeyer und wurde vom Kulturdezernat der Stadt Münster/ AZKM in Zusammenarbeit mit Rethfeld und Rinke / Marcel Schumacher sowie dem Dezernat für Planung, Bau und Marketing initiiert. Die Ausstellung wird großzügig unterstützt von dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

The programme of the Kunsthalle Münster ist supported by the Friends of the Kunsthalle Münster.